Mein Leben mit Tourette

"Wieso zuckst du denn immer so?"
Als Kind konnte ich auf diese Frage nichts antworten, denn ich wusste es nicht. 
Ich musste es halt machen, aber wieso? Einfach so …
Ja, ich habe mich geschämt. Ja, ich habe versucht, es heimlich zu machen. 
Nein, ich wollte niemanden provozieren. Und auch keine Aufmerksamkeit erregen.
Meine Augen waren verklebt vom Zwinkern, mein Hals war wund vom Räuspern, 
und ich hatte Kopf- und Nackenschmerzen. Ich war müde vom Zucken.
Manchmal habe ich gedacht "Jetzt zucke ich noch einmal ganz, ganz doll – und dann NIE MEHR!" 
Das gelang auch ganz gut – für etwa 20 Sekunden. Und dann ging es wieder los.
Meine Mutter sagte "Reiß dich zusammen!"
Meine Lehrer sagten "Das kommt, weil die Eltern geschieden sind."
Meine Mitschüler sagten "Mach nochmal sooooo…!"
Mein Arzt sagte "Das wächst sich aus."

Ich wusste nicht, dass das "Tourette-Syndrom" heißt – hätte ich es gewusst, wäre manches leichter gewesen. Zumindest wäre ich in gewisser Weise "entschuldigt" gewesen – hätte Mitleid statt Angriff erfahren. Andererseits – so ganz ohne Diagnose geriet ich nicht in die Mühlen der Medizin, ich wurde kein "Fall", mir blieben die Nebenwirkungen der Medikamente erspart, und keiner stellte sich je die Frage, ob ich aufgrund von "Krankheit" von irgendwelchen Dingen ausgeschlossen werden müsste. Und da ich kaum Freunde hatte, konnte ich mich auch voll und ganz auf die Schule und das Lernen konzentrieren. Im Nachhinein betrachtet, war das vielleicht meine Rettung.

Außenseiter – besonders Kinder – sind nicht nur einsam und traurig. Sie schämen sich, das wird meist unterschätzt. Sie schämen sich dafür, dass in den Pausen niemand mit ihnen spielt und verstecken sich auf dem Klo oder in den Büschen, damit niemand sieht, dass sie allein herumstehen. Auf dem Klo und in den Büschen stehen hat den Vorteil, dass man auch in Ruhe ticcen kann, ohne das es jemand sieht.

Später, wenn die Außenseiter erwachsen sind, wird es etwas einfacher – man kann sich einreden, die Abgeschiedenheit zu schätzen, seine Ruhe zu brauchen, gern "sich selbst zu finden". Bei einigen gelingt das so gut, dass nicht nur die anderen das glauben, sondern sogar sie selbst. So entsteht aus der Not eine Tugend.

Auch ich "genieße" das Alleinsein. Da kann ich "in mich selbst hineinspüren" und "mir selbst mal etwas Gutes tun". Außerdem bin ich allein "besonders kreativ" und "gewinne Erkenntnisse über mich und die Welt". Allein kann ich in Ruhe zucken, grimassieren, rütteln, fiepen, grunzen, schnaufen und keuchen. Da kann ich ungewaschen im Bett liegen bleiben und Fressattacken schieben. Mich mit düsterer Musik, Alkohol, Drogen oder meinen eigenen Hirngespinsten berauschen. Heulen und mich selbst befriedigen und danach einschlafen. Alleinsein ist wirklich etwas sehr Erstrebenswertes, und wahnsinnig produktiv.

Jetzt bin ich erwachsen, und ich hatte Glück: Mein Tourette hat sich gebessert, ist heute nur noch schwach ausgeprägt. Was geblieben ist, sind die Folgen, dieser Rattenschwanz an "Tourette-Persönlichkeit", der sich durch die Beruhigung des Hirnstoffwechsels nicht normalisiert. Die Identität des "Anders-Seins". Die ständige Frage "Guckt der mich jetzt an? Ist was an mir komisch?". Das Bestreben, mich abzusondern, die Massen zu meiden, das Suchen der Abgeschiedenheit. Das Gefühl, niemals wirklich ein Teil von allem zu sein. Die Fähigkeit, sich selbst zu genügen. Aber auch die Fähigkeit, in dem abnormen Anderen einen Verbündeten zu erkennen. Das Bemühen, "normal" zu wirken – oder gerade das Gegenteil, mit dem wütenden Trotz von "Jetzt erst recht – dann geb ich euch mal was zum gucken!".

Nein, natürlich ist Tourette nicht allein schuldig an allem. Aber es hilft ungemein.

 

psy (Pseudonym), geboren 1974, lebt seit ihrem 4. Lebensjahr mit dem Tourette-Syndrom