Irene * 20.05.1985  † 19.12.2007

 

in memoriam Irene

Der Suizid von Irene hat große Traurigkeit bei uns ausgelöst. Das frühe Ende ihres Lebens empfinden wir als eine schreckliche Tragöde, ihr Weggang aus unserer Mitte ist ein großer Schmerz. Sie lebte viele Jahre mit dem Tourette-Syndrom, ihre Gedanken über diese Herausforderung hat sie in zwei Gedichten aufgeschrieben:

 

D i e   B e s t i e

Die schwarze Bestie beginnt in mir zu wüten.
Sie bedient sich meiner Seele, meines Körpers.
Sie zerrt an mir und schreit aus Leibeskräften.

Sie bricht aus mir heraus, schüttelt mich,
stößt beängstigende Schreie aus und tobt wie
tollwütig … demütigt mich.

Eine Weile gibt sie Ruh' … doch nur kurz,
nur um Kräfte zu sammeln. Bald wird sie wieder
zu Kräften kommen und ihr schaurig trauriges
Spielchen von Neuem mit mir treiben.

Wieder und wieder … bis nichts weiter bleibt
als eine jämmerliche Gestalt, die den Willen über
Seele und Körper verlor.

("Die Bestie" soll Symbol sein für das Tourette-Syndrom) 

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D i e   B a n k

Ich sitze auf einer hölzernen Bank. Sie ist hart und wenig bequem, doch gibt sie mir Halt. Tief verankert in steinernen dunkelgrauen Fliesen steht sie einfach da. So wie jeden Tag. Die Nägel, die ins Holz geschlagen, so schief, so unperfekt. Rillen im Holz - ungleich, krumm. Unterbrochene Linien zieren diese Bank. Diese Bank ist unperfekt. Sie gleicht keiner Weiteren. Bloß auf den ersten Blick, scheint sie mit den Anderen identisch zu sein. Doch das ist sie nicht. Sie ist unvollkommen - genau wie ich. Wie jeder Einzelne auf dieser Welt unperfekt und individuell ist. Ich schließe meine Augen. Sacht streicht der Wind durch mein Haar, streichelt sanft mein Gesicht. Blätter knistern. Wind rauscht durch die Zweige. Die Bäume versuchen sich von ihrer schweren Blätterpracht zu befreien. Doch nicht alle Äste sind kahl. Einzelne goldene Blätter haften noch an ihnen. Es scheint, als hielten die Zweige sie fest. Als wollten diese sie noch nicht gehen lassen. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen. Der Winter naht, aber nun ist Herbst und der Winter muss sich noch etwas gedulden, bevor er sein weißes Kleid über uns legt und alles in sanfter Stille vergeht. Die Luft so kühl und frisch. Sie durchströmt mich. Sie ist rein, lässt mich kaum spürbar frösteln. Ein Vogel singt sein Lied. Er lässt Blätter unter seinen kleinen dürren Füßchen knistern. Ich erinnere mich an jene schöne Sommer, an denen ich einst noch glücklich war. Ich sehne mich nach diesem intensiven wunderschönen Gefühl des Glückes und der inneren Ruhe. Doch das, was ich nur noch spüre, ist ein schwerer kalter Stein auf meinem Herzen, so schwer, dass er meinen Körper zu Boden reißt und mich in die Knie zwingt.

 

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Hallo Irene, wir erinnern uns an dein sympathisches Lachen und deine liebenswerte, offene Art. Obwohl du selbst viele Probleme hattest, warst du immer offen für andere und ihre Sorgen, hast zugehört und versucht zu helfen, wenn es irgendwie möglich war. Unser aller Wunsch ist es, dass es dir gut geht, da wo du jetzt bist. Danke für alles.

Andrea
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Christiane 
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Als der Regenbogen verblasste
da kam der Albatross
und er trug mich mit sanften Schwingen
weit über die sieben Weltmeere.
Behutsam setzte er mich
an den Rand des Lichts.
Ich trat hinein und fühlte mich geborgen.
Ich habe euch nicht verlassen,
ich bin euch nur ein Stück voraus.

unbekannter Verfasser

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Foto Irene: Copyright Melanie Bödeker, Tourette-Selbsthilfegruppe Ruhrgebiet