Mein Lesenslauf

Ich bin am 15. Februar 1968 in Kassel (Nordhessen) geboren. Sechs Jahre lang wachse ich mehr oder weniger behütet in meiner Familie auf, die nicht nur im engeren Kreis aus Lehrerinnen und Lehrern zu bestehen scheint. Mein Bruder - zweieinhalb Jahre jünger - und ich freuen uns darauf, als sich unsere Eltern dazu entschließen, mit uns ins Ausland zu ziehen. Mit sechs Jahren beginne ich, Grimassen zu schneiden und lerne Afghanistan kennen. Andere Menschen, andere Sitten.

In den kommenden vier Jahren bereise ich die so genannte dritte Welt mit meiner Familie, kenne Indien und den Himalaya mit zehn Jahren besser als Deutschland. Dann – zurück in der Heimat – gehe ich auf ein Gymnasium in Kassel. Zu meinen Grimassen haben sich inzwischen diverse Zuckungen an Kopf, Armen und Beinen hinzugesellt. Keiner versteht, was das soll.

Die Schul- und Jugendzeit wird ein Spießrutenlaufen, vor allem bei den Gleichaltrigen. Ich sehne mich nach einer Freundin und bekomme keine. Die Ärzte machen sich so ihre Gedanken und bleiben doch ratlos. Mehr und mehr nehmen auch vokale Tics zu: Grunzen, Räuspern, Schnalzen, Schreien und andere Geschicklichkeiten. Mit 18 Jahren –es ist mittlerweile 1986– komme ich zum zweiten Mal in eine psychosomatische Klinik. Hier wird festgestellt, was los ist. Mir fehlt nichts, im Gegenteil, ich habe etwas zuviel. Diagnose: Tourette-Syndrom, eine neurologische Erkrankung. Damit kann ich erstmal nichts anfangen.

Ich beginne zu schreiben und sehne mich noch immer nach einer Freundin. Mit 19 mache ich lieber keinen Führerschein, dafür Abitur. Mein Tourette nimmt kontinuierlich an Stärke zu: Ich schreie, schimpfe, schlage um mich, den lieben langen Tag – und so manche Nacht. Meine Eltern haben sich inzwischen getrennt. Mit 24 Jahren ist es endlich soweit: Trotz heftigsten Tourettes lerne ich Lisa, meine erste Freundin, kennen. Diese Liebe hält 15 Monate. Danach halte ich mich mit Schreiben stabil. Mittlerweile studiere ich seit vier Jahren Sozialarbeit in Kassel und habe viele andere behinderte Studentinnen und Studenten kennen gelernt.

Paula, meine zweite Freundin, ist ebenfalls behindert. Zusammen lernen wir die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, die deutsche Bürgerrechtsbewegung behinderter Menschen kennen. Während meines Studiums entstehen viele Texte. Trotz des extremen Tourette geht es mir besser. Nach einem Jahr hält Paula das Tourette nicht mehr aus. Nach langem innerem Kampf probiere ich neue Medikamente und mein Tourette verschwindet fast völlig. Ein neues Leben beginnt. Ich bin verunsichert: Bin ich noch behindert oder nicht?

Ich ziehe mit Paula nach Mainz. Von hier aus beende ich mein Studium erfolgreich. Inzwischen habe ich auch erste Lesungen im Freundes- und Bekanntenkreis hinter mir und meinen Spaß dabei. Nach zwei weiteren Jahren trennen Paula und ich uns. Dennoch arbeite ich mit ihr weiter im Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, Mainz. Neben einigen wenigen erneuten Beziehungsversuchen wird mein Schreiben weniger, dafür nehmen die Lesungen langsam zu.

Mittlerweile arbeite ich verstärkt zum Thema „Sexualität und Behinderung“, nicht nur beruflich sondern auch privat. Seit 1999 besuche ich mit anderen behinderten Frauen und Männern zahlreiche tantrische Workshops in einem kleinen Ort im Wendland und leite mehrere Jahre lang eine Männergruppe. Der Austausch mit anderen behinderten Männern und die etwas selteneren erotischen Begegnungen mit behinderten Frauen tun mir gut. Hier entstehen auch zwei Bilderserien von Bodypainting-Workshops in der Natur. Ich werde selbstbewusster, Lesungen und das Schreiben nehmen zu. Erst 2008 beende ich die Serie an Workshops. Mehr und mehr gewinnt meine eigene Homepage meine Aufmerksamkeit: Ich liebe es, am Computer zu tüfteln!
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Heute bin ich 44 und lebe als glücklicher und schreibender Single in einer eigenen Wohnung in Mainz. Meine Schreiblust hat zugenommen, ich beschäftige mich immer wieder mit allen möglichen Facetten meiner Sexualität, wobei besonders meine Lust auf Lesungen hervorsticht. In meiner freien Zeit bastele ich gerne an meiner Homepage. Sie ist neben dem Schreiben derzeit mein größtes Hobby. 2008 ist noch ein weiteres spannendes Hobby in mein Leben getreten: die Fotografie. Ich fotografiere vor allem die Natur: Blumen, Blüten, Pflanzen, Büsche, und Bäume in der Nähe meiner Umgebung, aber auch den Vollmond sowie Sonnenauf- und Untergänge leidenschaftlich gerne. Auf meiner Homepage findest Du dementsprechend auch zahlreiche Fotogalerien mit zwei verschiedenen Betrachtungsmodi.

Seit Mai 2011 arbeite ich nicht mehr so viel und bekomme neben meiner reduzierten Tätigkeit im ZsL Mainz eine kleine Rente. Außerdem hat meine Bereitschaft, meiner Familie sowie einigen wenigen Freundinnen am PC zu helfen, zugenommen. Und natürlich bleibe ich neugierig auf das, was mit mir, anderen Frauen und Männern im Laufe meines Lebens noch so alles passieren mag.

Lothar Schwalm, 16.10.2012

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