Mit Tourette in Südostasien

Thailand – Malaysia – Indonesien – Burma – Nepal – Indien – Pakistan - Afghanistan
Iran – Türkei – Bulgarien – Jugoslawien – Österreich – Deutschland

 

Reise durch zehn asiatische Länder

von Hermann Krämer

Im Jahr 1978 machte ich eine Reise durch zehn asiatische und drei europäische Länder. Alles, was ich auf dieser Reise mit meiner Tourette-Erkrankung und auch sonst erlebte, habe ich in dem folgenden Reisebericht aufgeschrieben.

 

Die Vorgeschichte

Ich kann mich noch gut erinnern an dieses Lebensgefühl im Jahr 1977. Mein Tourette-Syndrom (TS) hatte es sich richtig gemütlich gemacht in meinem Leben, ich ticte und krampfte heftig. Ich war frustriert und wusste nicht, wie mein Leben weitergehen sollte. Psychisch und physisch war ich weit davon entfernt, die Konstitution zu haben, einen Beruf zu erlernen, der mir Spaß gemacht hätte (z. B. das Studium der Medizin oder der Psychologie). Ende Januar 1976 beendete ich meine Ausbildung zum Industriekaufmann auf einer Rheinschiffswerft an meinem Wohnort und arbeitete dort noch einige Monate. Trotz vieler Schwierigkeiten kam ich in dem rauen Handwerkermilieu einigermaßen zurecht. Mit dem Sohn und der Familie des Geschäftsführers war ich befreundet, was ein insgesamt fast familiäres Arbeitsverhältnis entstehen ließ. Doch in mir gärte es, ich war sehr unzufrieden. Meinen tourettischen Lebensfrust übertrug ich auf meine Umgebung und alles, womit ich in Kontakt kam. Ich wollte raus aus meinem Alltag und Neues erleben. Eine Reise in den Fernen Osten, weit weg von Speyer, danach sehnte ich mich. Das Geld dafür musste ich erst noch verdienen. Ich arbeitete ein Dreivierteljahr in einer Friedhofsgärtnerei, war in der Gräberpflege eingesetzt, half bei Neubepflanzungen von Gräbern und der Dekoration der Totenzellen, beim Eintopfen von Jungpflanzen, dem Gießen der Gewächshauspflanzen und vielem anderem mehr.

In den Wintermonaten 1977 plante ich meine Reise durch mehrere asiatische Länder, vieles war abzuchecken: Einreisebestimmungen, Impfanforderungen, Unterkunftsmöglichkeiten, Reiserouten. Ich war total beschäftigt. Während der Planungen hatte ich oft Angst, dass diese Reise zu anstrengend für mich sein könnte. Würde ich es schaffen, mit meinen Tics durch mehrere asiatische Länder zu reisen? Wie würde sich mein TS unter den Reiseanstrengungen entwickeln? In meiner Phantasie sah ich mich wild herumticen und in der Realität war ich oft unmittelbar davor, meine Reisepläne aufzugeben. Doch am Ende war die Sehnsucht, Neues erleben zu wollen, stärker! Anfang des Jahres 1978 kaufte ich für 850,- DM ein Flugticket nach Bangkok. Abflug: 04. Mai 1978. Das Tropeninstitut Heidelberg empfahl für Reisen nach Indonesien, einem Land, das ich unbedingt bereisen wollte, eine Choleraschutzimpfung sowie Typhus- und Malariaprophylaxe. Für die Vorbeugung gegen Typhuserkrankungen nahm ich sechs Wochen vor der Abreise an drei Tagen je eine Kapsel Typhoral L (orale Schutzschimpfung), die Malariaprophylaxe sollte ich zwei Wochen vor der Abreise mit den Präparaten Resochin und Fansidar beginnen. Vier Wochen vor dem Abflug erhielt ich im Gesundheitsamt Speyer eine Choleraschutzimpfung (Injektion in den Oberarm). Ein paar Stunden später fühlte ich mich total schlecht. Ich hatte Brechreiz, später dann Durchfall und einen fürchterlichen, kaum zu stillenden Durst. Zwei Tage schüttete ich zahlreiche Flaschen mit Saft und Mineralwasser in mich hinein, doch diesem quälenden Durst war nicht beizukommen. Massiver Wasser- und Mineralverlust und die Gefahr der Austrocknung und des Verdurstens mit tödlichem Ausgang innerhalb weniger Stunden sind die Hauptcharakteristika einer Cholera-Erkrankung. Nach zwei Tagen lagen diese unangenehmen Impfreaktionen hinter mir. Dann letzte Vorbereitungen: noch ein paar spezielle Landkarten kaufen, Medikamente gegen Durchfall, Tabletten zur Wasserdesinfektion besorgen. In allerletzter Sekunde erwerbe ich noch einen Mini-Benzinkocher.

Abschiedsstimmung und Fernweh. Was wird mich erwarten? 03. Mai 1978 abends: der Rucksack ist gepackt. Letzte Anrufe bei Freunden. Viele gute Wünsche. Ich bin aufgeregt und schlafe unruhig. Am nächsten Morgen noch einmal Frühstück bei den Eltern, dann gegen 7.30 Uhr Abfahrt zum Frankfurter Flughafen. Nach dem Check-in Abschied von den Eltern im Besucherbereich. Es fällt mir schwer zu gehen, für viele Monate werde ich von ihnen und allem getrennt sein, was mir vertraut ist. Innerlich fühle ich mich gespalten. Sehnsucht, aber gleichzeitig auch Angst vor dem Neuen, wechseln miteinander ab. Ein letztes Winken und dann geht’s los.

 

Reisebeginn am 4. Mai 1978 – take off gegen 10.30 Uhr

Bei der russischen Fluggesellschaft Aeroflot habe ich die Route Moskau–Bombay–Bangkok gebucht. Auf der Teilstrecke nach Moskau ist das Flugzeug nur zu zwei Dritteln besetzt. Nach ca. vier Stunden Flugzeit erreichen wir Moscow International Airport. Drei bis vier Stunden ist nach Ansage die Wartezeit auf meinen Anschlussflug nach Bombay. Im Transitbereich trinke ich einen Tee aus einem Samowar. Nach ca. vier Stunden Aufenthalt in Moskau wird den Passagieren mitgeteilt, dass sich der Abflug um weitere ein bis zwei Stunden verzögert. Mir knurrt der Magen. Nach insgesamt fast sechs Stunden wird unser Flug aufgerufen. Endlich im Flugzeug angelangt, warten wir weitere 1 ½ Stunden auf die Starterlaubnis. Dann endlich der Abflug. Alle Fluggäste sind erleichtert. Die Stewardessen servieren eine halbe Stunde später Omelett mit Kaviar. Das habe ich in dieser Kombination noch nicht gegessen, schmeckt aber ganz gut. Unsere Maschine ist nur zur Hälfte besetzt. Es ist genügend Platz da zum Schlafen. Viele benutzen eine Dreiherreihe Sitze und machen es sich mit Decken gemütlich. Am nächsten Mittag erreichen wir den Flughafen in Bombay. Nach zwei Stunden Aufenthalt Weiterflug nach Bangkok. Ungefähr 1 ½ Stunden vor Bangkok kommen wir in heftige Turbulenzen. So extrem hatte ich das noch auf keiner Flugreise erlebt. Mir wird total schlecht. Kaviar und Omelett und alles danach Gegessene übergebe ich an die Bordtoilette, die ich gerade noch rechtzeitig erreiche. Ich fühle mich sehr matt und das eine halbe Stunde vor der Landung in Bangkok. Am späten Nachmittag dann Ankunft in Bangkok International Airport, nach insgesamt 19 ½ Stunden Flugzeit. Als die Flugzeugtüren geöffnet werden, kommt mir eine unglaublich schwüle Hitze entgegen. Innerhalb weniger Minuten bin ich vollkommen verschwitzt. Das Klima ist echt heftig, ich fühle mich, als säße jemand auf meinen Schultern, den ich zusätzlich herumtragen muss. Die Innenstadt ist ungefähr 24 km Kilometer vom Flughafen entfernt. Zusammen mit Michael, einem Deutschen, den ich im Flugzeug kennengelernt habe, nehme ich einen Bus, der uns bis zum Hauptbahnhof Bangkok bringt. Der Busfahrer hat einen höllischen Fahrstil; er manövriert den Bus mit großer Geschwindigkeit millimetergenau an stehenden oder die Fahrbahn kreuzenden Fahrzeugen vorbei. Nach dem Betätigen der Kupplung tritt er immer voll auf’s Gaspedal, bevor er den nächsten Gang einlegt. Jedes Mal kommt eine riesige, schwarzbraune Abgaswolke aus dem Auspuff des Busses.

Am frühen Abend erreichen wir die City von Bangkok. Es ist eine fürchterlich schwüle Luft, daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Michael und ich übernachten in einem Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs. Im Hotel selbst ist die Hitze noch unerträglicher. Ich kann diese Temperaturen nur ertragen, indem ich den Ventilator über meinem Bett die ganze Nacht laufen lasse. Durch das Schwitzen in der Nacht und die bewegte Luft des Ventilators ist meine Muskulatur am nächsten Morgen ziemlich verspannt – eine Art "Tropenkrankheit", die so manchen Touristen ereilt. Am nächsten Morgen dann erste zaghafte Erkundigungen der unmittelbaren Umgebung. Alles ist so fremd: Gerüche, Menschen, Häuser. Bangkok (amtlich siamesisch Krung Thep), ist seit 1782 Hauptstadt von Thailand, liegt am Menam, einem 1.200 km langen Fluss, der im Grenzgebiet zu Laos entspringt und südlich von Bangkok in den Golf von Thailand mündet. Die Stadt ist von zahlreichen Kanälen (Klongs) durchzogen, die allerdings zunehmend durch Straßen ersetzt werden. Das hohe Verkehrsaufkommen ist gewöhnungsbedürftig. Unmengen von Privatautos, Taxis, Bussen und Lastwagen drängen durch die Straßen. In den Hauptgeschäftszeiten braucht es viel Zeit und Geduld, um die gewünschten Ziele zu erreichen. An den folgenden Tagen laufen wir kreuz und quer durch diese pulsierende Metropole, besuchen einige buddhistische Tempel und machen eine Klongfahrt zu den berühmten "Schwimmenden Märkten". Auf zahlreichen Booten werden dort Gemüse, Früchte und viele andere Güter des täglichen Bedarfs angeboten. Das Sightseeing spielt aber sonst nur eine untergeordnete Rolle. Es ist einfach zu heiß, um mehr als 4-5 Stunden unterwegs zu sein. So flüchten wir uns zum Relaxen immer wieder in unser Hotelzimmer und werfen den Ventilator an. Mit der Zeit verlegen wir unsere Aktivitäten zunehmend in den Abend oder die Nacht. Wenn ich dann in mein Hotel zurückkehre, wiederholt sich regelmäßig folgendes Schauspiel: 20-30 Kakerlaken krabbeln in meinem Zimmer herum, erkunden Rucksack, Kleidung und zurückgelassene Lebensmittel. Wenn das Licht angeschaltet ist, verschwinden sie in Windeseile in den zahlreichen Ritzen und Löchern des aus Holz hergestellten Fußbodens. Es dauert immer einige Zeit, bis ich die Gedanken an die "cockroaches" (englisch für Kakerlaken) verdrängen kann und mir nicht ständig vorstelle, sie würden nach dem Einschlafen auf mir herumklettern.

Die thailändische Kost in den Restaurants Bangkoks ist sehr vielseitig und bekommt mir gut. Äußerst interessant ist das Angebot an tropischen Früchten, die ich vorher noch nie gesehen bzw. gegessen habe. Zum Beispiel Rambutans, die ähnlich wie Litchis schmecken oder die Früchte des Jackfruchtbaums. Die Jackfrüchte können bis zu 30 cm breit und bis zu einem Meter lang werden und ein Gewicht von 50 kg erreichen. Sie bestehen aus zahlreichen 4-5 cm langen und 3-4 cm breiten Fruchtkapseln aus gelbem, klebrigem Fruchtfleisch. Geschmacklich sind sie mit keiner Frucht aus dem europäischen Raum vergleichbar.

Für den 10. Mai buche ich zusammen mit Michael, einem weiteren Deutschen und einer Holländerin, die wir in Bangkok kennengelernt haben, ein Zugticket nach George Town (Malaysia). Die Reise durch den Süden Thailands führt durch üppige tropische Vegetation. Reisfelder, Bananenstauden und Kokospalmen wechseln einander ab. Der Zug fährt nicht schnell, so lässt sich alles gemütlich betrachten. Wir werden Malaysia erst am nächsten Tag erreichen, das heißt, eine Nacht müssen wir im Zug verbringen. Mit Einbruch der Dunkelheit verwandeln die flinken Hände der Zugbegleiter/innen viele Sitzbereiche in Schlafgelegenheiten. Da wird hier und dort etwas herausgeklappt oder herausgezogen, Kissen und Bettlaken werden gebracht und nach ungefähr einer Stunde gibt es in jedem Wagen mehrere komfortable, kuschelige Schlafplätze, aber nur für die, die entsprechend bezahlt haben. So wie es aussieht, gehören wir nicht dazu! Globetrotter mit schmalem Reisebudget müssen ihr Geld zusammenhalten. Abends esse ich im gemütlichen Speisewagen rice with beef and vegetables. Ich würze mit Sojasauce und Chilipaste, die ich auf dem Tisch finde. Schmeckt alles sehr lecker. Es geht mir gut. Der Speisewagen ist mit schönem dunklem Holz verkleidet, aus den Fenstern erkenne ich die Umrisse der vorüberziehenden tropischen Landschaft. Auch tourettisch gesehen ist alles noch im erträglichen Bereich. Meine Reisebekanntschaften kennen meine Tics mittlerweile schon, die Fahrgäste nehmen meine Tourettismen wahr, aber sie beachten sie nicht besonders. Das ist mir sehr recht. Ich möchte in diesem Zusammenhang noch erwähnen, dass mein Tourette-Syndrom erst ca. 8 Jahre nach dieser Reise diagnostiziert wurde. 

Am nächsten Mittag erreichen wir Butterworth, eine Stadt an der Westküste Malaysias. Mit einer Fähre geht es dann rüber nach George Town, der Hauptstadt des malaysischen Inselstaates Penang-Island. Hier bleibe ich vier Tage, ruhe mich etwas aus und genieße meine Zeit in Penang-City, wie George Town auch genannt wird. 

 

George Town

 

In dieser Zeit buche ich für umgerechnet 70,- DM bei MAS (Malaysian Airlines System) einen Flug nach Medan, einer Stadt im nordöstlichen Teil der indonesischen Insel Sumatra. Der Flug nach Medan über die Straße von Malakka dauert weniger als eine Stunde. Im Flugzeug treffe ich Michael wieder, worüber ich mich sehr freue. Wir beschließen, Sumatra gemeinsam zu bereisen. Ein Mitreisender berichtet uns vom Tobasee und dem dortigen Hotel Carolina. Die Gegend sei einfach traumhaft und wir sollten unbedingt ein paar Tage dort verbringen. Spontan entschließen wir uns, zum Tobasee (Lake Toba) zu fahren. In Medan angekommen, nehmen wir ein Taxi, das uns zu einer Abfahrtstelle für Busse in Richtung West- und Südwestsumatra bringt. Der Bus zum Tobasee kommt nach einer Stunde und ist schnell mit Einheimischen und allerlei Transportgütern, wie zum Beispiel Gemüse und Früchten, gefüllt. Die Sitze sind klein und niedrig. Mit Müh und Not schaffe ich es, mich auf einen Sitz zu manövrieren. Michael hat die gleichen Probleme. Dem Busschaffner entgeht das nicht und nach einiger Zeit dürfen wir in der letzten Sitzreihe Platz nehmen. Hier ist etwas mehr Raum und wir können unsere Beine ausstrecken. Während der Fahrt – wir haben wieder einen Fahrer mit äußerst rasantem Fahrstil erwischt – müssen mehrere Einheimische erbrechen. Der Busschaffner erklärt uns, dass viele Einheimische das Busfahren nicht gewöhnt sind: "local people here are not used to go by bus and so they vomit sometimes." Leicht grinsend geht er durch den Bus und verteilt Plastiktüten an diejenigen, die meinen, sich demnächst übergeben zu müssen. Irgendwann ist er dann in der letzten Sitzreihe angelangt und ruft uns zu: "plastic, plastic – you wanna plastic?" "No thank you – not yet", erwidern Michael und ich.

 

Lake Toba

 

Nach vier Stunden Fahrt erreichen wir den Lake Toba (Größe: 1.200 km² und bis 529 m tief), einen Kratersee im Hochland von Nordwestsumatra (906 m über dem Meeresspiegel). Inmitten des Sees liegt die Insel Samosir. Eine Fähre bringt uns direkt zum Hotel Carolina auf "Samosir-Island". Der Name des Hotels klingt alles andere als indonesisch. Hinter dem Hotelnamen verbirgt sich ein Komplex von Appartements mit Flachdächern und traditionellen Batakhäusern. Michael und ich mieten eines der speziell für Touristen eingerichteten Batakhäuser mit Blick auf den Tobasee. Jeden Tag stellen "unsichtbare Hände" frische tropische Blumen in den Wohnraum unseres Hauses.

 

Batakhaus für Touristen

 

Die Batak, ein altindonesisches Volk, sind im Innern von Sumatra zu Hause. Sie leben von Reisanbau, Büffel-, Schweine- und Pferdezucht, Goldverarbeitung, dem Verkauf kunstfertiger Schnitzereien und vom Tourismus. Die Batak sind überwiegend christianisiert, ein kleinerer Teil dieser Volksgruppe ist muslimisch.

Das Essen im Restaurant des Hotel Carolina ist hervorragend, hier sind Superköche am Werk. Ich esse des Öfteren Fisch, aber auch die traditionellen Speisen wie Nasi goreng und Bami goreng (Nasi: Reis, Bami: Nudeln, goreng: gebacken, gebraten). Ein großer Genuss sind die frisch zubereiteten Fruchtsalate. Ich habe immer wieder beobachten können, wie ein Küchenhelfer für einen "Carolina-Fruit-Salad" mal eben eine Papaya von einem Baum schnitt oder eine Ananas auf einem kleinen Feld hinter der Küche erntete.

Das Klima hier im Hochland von Sumatra ist wesentlich angenehmer als im feuchtheißen Bangkok. Tagsüber wird es zwar auch sehr warm, aber dafür gehen nachts die Temperaturen auf ein erträgliches Maß zurück. Die Zeit vergeht wie im Flug: essen, schlafen, schwimmen im Tobasee, lesen und mal ein Spaziergang nach Tuk Tuk, einem kleinen Ort in der Nähe unserer Unterkunft. 

 

Weg von Tuk Tuk zum Hotel Carolina

 

Nach und nach meldet sich jedoch wieder das Reisefieber. Das Visum für Indonesien ist auf sechs Wochen begrenzt und niemand kann mir mit Sicherheit sagen, von welchen Faktoren es abhängt, ob die Aufenthaltserlaubnis um weitere sechs Wochen verlängert wird. Da ich noch die Inseln Java und Bali bereisen möchte, heißt es nach zwei Wochen Abschied nehmen von den paradiesischen Verhältnissen auf Samosir-Island. Nach dem Ablegen der Fähre blicke ich wehmütig zurück. Ach ja, eines noch: nie vergessen werde ich die hübschen, aber lauten Geckos, eine eidechsenähnliche Tierart. In den ersten Tagen konnte ich fast nicht schlafen, so laut war das Zirpen und Quaken, das die Geckos (nach einer später zu Hause gelesenen Information) von sich geben, um ihr Revier zu markieren, Partner anzulocken oder wenn sie sich bedroht fühlen. Es gibt mehr als 600 Arten, sie leben auch in Wüsten, Steppen, Gebirgen und tropischen Regenwäldern. Auf Samosir sah ich sie oft an den Außenwänden der Häuser herumklettern und eben auch in den Häusern selbst. Ein physikalisches Phänomen, das als "Adhäsion" bezeichnet wird, ermöglicht es den Geckos, die Wände und Fensterscheiben senkrecht hochzulaufen, auch Zimmerdecken bereiten ihnen keine Mühe. Millionen mikroskopisch feiner Borsten unter den Füßen der Geckos und ein dünner Wasserfilm werden bei jedem Schritt an die jeweilige Fläche gepresst und erzeugen diese phänomenale Haftfähigkeit.

Nächstes Reiseziel: Padang an der Westküste Sumatras. Erneut heißt es, viele Stunden im Bus zubringen, bis wir nach ungefähr 24 Stunden Fahrt (mit zahllosen Kurven und zwei Reifenpannen) über Sibolga die Stadt Bukittinggi erreichen. Bukittinggi ist ein bedeutendes Handelszentrum für Kaffee, Tabak und Gewürze. Wir übernachten einmal, am nächsten Morgen geht es per Bus weiter nach Padang. In Padang lerne ich einige Menschen kennen, die der Volksgruppe der Minangkabau angehören. Sie haben eine sehr seltene soziale und religiöse Gesellschaftsform gewählt: die Minangkabau leben im Matriarchat und fühlen sich gleichzeitig dem sunnitischen Islam zugehörig (mehr als 99 %). Besitz und der Familienname werden über die Mutter weitergegeben, innerhalb der Familien bestimmen weder Ehemann noch Ehefrau, sondern Mutter oder Großmutter sowie der Bruder der Mutter. Nach neueren Presseberichten gewinnt islamisches Bewusstsein an Einfluss, die matriarchalen Strukturen geraten zunehmend unter Druck.

In Padang bleibe ich nur zwei Tage. Zusammen mit Michael buche ich einen Flug von Padang nach Djakarta. Als ich am Tag des Abflugs jedoch die Maschine sehe, wird mir etwas bang. Das Flugzeug ist sicher 30 oder mehr Jahre alt, die Innenausstattung ist spartanisch. Mit einem gewissen Unbehagen nehmen wir auf den Holzsitzen Platz. Flugzeit nach Djakarta: ca. 1 ½ Stunden. Die Motoren röhren laut, das Flugzeug vibriert heftig. Nach dem mühsamen Start kreist die Maschine ca. 15 Minuten, um die richtige Flughöhe zu erreichen. Erst dann nehmen wir Kurs auf Java und Djakarta. Ich schicke einige gebetsähnliche Hilferufe nach oben und hoffe auf göttlichen Schutz und Segen. Auf diesen kurzen Inlandsflügen wird keine Verpflegung gereicht, auch Stewardessen sind nicht zu sehen. Nach fast zwei Stunden taucht unter uns Djakarta auf. Endlich! Bei der Landung wird unsere Nervenstärke noch mal getestet: die Flügel unseres Sumatrafliegers wackeln heftig, denn an mehreren Stellen der Tragflächen öffnen sich Landeklappen, die das Abbremsen der Maschine beschleunigen sollen. Aufgeregt betrachte ich dieses Szenario, mein Sitzplatz befindet sich in der Nähe der Tragflächen. Ich erflehe nochmals göttlichen Beistand. Nach dem Öffnen der Flugzeugtüren sind wir sehr erleichtert und freuen uns megamäßig, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Danach Quartiersuche und Relaxen. Nach ein paar Tagen dann Weiterfahrt mit Zügen und Bussen über Yogyakarta und Surakarta nach Banyuwangi. Vorher trenne ich mich noch von Michael, meinem sympathischen und zuverlässigen Reisebegleiter, der über Singapur wieder nach Bangkok zurück muss, um seinen Rückflug nach Deutschland anzutreten.

Die Insel Java gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Erde. Jeder "Meter" ist entweder bebaut oder wird landwirtschaftlich genutzt. Der Anbau von Reis, Mais, Zuckerrohr, Tee, Kaffee, Kakao, Kokospalmen, Tabak, Kautschuk etc. und die üppige tropische Vegetation dazwischen lassen Java wie einen riesigen Garten erscheinen.

In Banyuwangi nehme ich eine Fähre nach Bali. Bevor ich nun über meine Zeit auf dieser schönen Insel berichten möchte, will ich noch auf die indonesischen "Sigaret Kretek", eine spezielle Zigarettenart, eingehen. Überall, in Bussen, Zügen und Restaurants, treffe ich auf die Raucher der "Kreteks" – das sind Zigaretten, die neben Tabak zu einem Teil (manchmal bis zur Hälfte) geschrotete Gewürznelken, gelegentlich auch noch Kakao, enthalten. Der exotisch-süßliche Geruch und das Knistern (dafür ist auch der Nelkenzusatz verantwortlich) beim Rauchen der "Kreteks" bleibt für mich untrennbar mit meinem Aufenthalt in Indonesien verbunden. Die Geschichte der Nelkenzigaretten begann Ende des 19. Jahrhunderts im Osten Javas, wo die Kreteks auch heute noch einen Marktanteil haben, der deutlich über 50 % liegt. Die Hersteller dieser Zigaretten haben ebenso ausgefallene wie beeindruckende Namen: Gudang Garam, Djarum, Sampoerna, Bentoel, Saritoga. Hin und wieder lasse ich mich dazu verführen, nach einem guten Essen eine Sigaret Kretek zu schmauchen ...

An einem schönen, sonnigen Tag erreiche ich mit einer Fähre die vielbeschriebene Insel Bali. Ein Bemo bringt mich und einige Einheimische nach Denpasar, der Hauptstadt von Bali. Bemos, das sind Mini-Transporter für mindestens sechs Personen, die ohne festen Fahrplan auf einer Strecke immer wieder hin und her fahren. Vor den jeweiligen Abfahrten suchen die Bemo-Driver natürlich möglichst viele Passagiere und fahren hupend und das Fahrtziel laut ausrufend durch die Straßen. Ach ja, übrigens: Was in Bemos so alles hineinpasst an Menschen und Gepäck, das muss man mal selbst gesehen haben. Von Denpasar aus nehme ich erneut ein Bemo nach Kuta an der Südküste Balis.

In einem "private Guesthouse" finde ich ein günstiges und ruhiges Zimmer. Nach den Reiseanstrengungen und den vielen neuen Eindrücken ist erst mal Ausruhen angesagt. Es ist sehr heiß und ich denke sehnsüchtig an die Zeit im klimatisch angenehmen Hochland von Sumatra auf Samosir-Island. Allerdings gibt es hier – zumindest kann ich das für die Zeit meines Aufenthaltes auf Bali im Monat Juni sagen - deutlich weniger Moskitos als auf Sumatra. Dort dachte ich schon daran, ein Moskitonetz kaufen zu müssen, weil diese Plagegeister jede Nacht in großer Zahl über mich herfielen. Hüten sollte man sich davor, an den Stichen zu kratzen, auch wenn sie fürchterlich jucken, denn in dem tropischen Klima können sich schlimme Entzündungen daraus entwickeln. Eine Österreicherin, die ich auf meinem Trip durch Indonesien kennen lernte, hatte an den Beinen mehrere große Narben von Moskitostichen, die sich nach dem Kratzen daran entzündet hatten und sehr schlecht verheilten. 

Ich treffe auf Bali immer wieder auf Einheimische, die an Malaria erkrankt sind. Der Eigentümer des "private Guesthouse", in dem ich logiere, ist schon viele Jahre malariakrank. Seine Frau teilt mir in einem Gespräch mit, dass er so schwer krank sei, dass ihm die Ärzte nicht mehr helfen können und er wohl bald sterben müsse. Das macht mich sehr traurig, denn er ist so ein freundlicher Mann. Eines Morgens überrascht er mich mit einem süßen Black Rice Pudding, der einfach phantastisch schmeckt. 

Bali und speziell Kuta hatten 1978 die Morgendämmerung touristischer Entwicklung schon hinter sich gebracht, aber ich fand meine Zeit dort trotzdem sehr erträglich. Zu "meiner Zeit" auf Bali gab es zahlreiche low-budget-Touristen aus USA, Australien und Neuseeland, die sich gerne den ganzen Tag mit günstigem dope zudröhnten oder magic mushrooms aßen, eine Pilzart, deren Genuss, in Pfannkuchen verbacken, die Stimmung für mehrere Stunden deutlich verbessert. Meistens mussten diejenigen, die diese "balinesischen Lachpilze" verzehrt hatten, stundenlang über jeden Unsinn lachen. Meine Zeit auf Bali jedoch derart zu verbringen, war nicht mein Ding. Solche Touristen ziehen natürlich auch Typen an, die mit Drogen und mit Sexangeboten ihr Geld verdienen wollen, und so wurde ich beispielsweise einmal wie folgt angesprochen: "Hello man, how are you? You like young women? You wanna drugs? Hash, Marihuana, Heroine, Speed …" "No, thank you", erwidere ich! Er wiederholt mehrere Male sein Angebot, ich lehne immer wieder ab! "No women, no drugs? What are you doing, man?" 

Für den weiteren Aufenthalt in Indonesien benötige ich die Verlängerung meines Visums, die mir ohne weitere Probleme, allerdings gegen eine Gebühr von ca. 30,- DM, gewährt wird. Ich gehe täglich schwimmen und versuche zu entspannen, denn die tropische Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit belasten mich an manchen Tagen ziemlich. Meine motorischen Tics treten verstärkt auf, ich brauche deutlich mehr Energie, um sie zu kontrollieren, vor allem in Situationen, in denen ich gerne tic-frei oder zumindest tic-reduziert auftreten möchte, z. B. beim Essen in Restaurants und bei Fahrten mit Bussen oder Bemos. Auch die Malariatabletten bereiten mir zunehmend Probleme. Immer nach der Einnahme bekomme ich eine Art Völlegefühl und nachfolgend Blähungen. Meine tourettische Energie wendet sich dann sofort diesem Bereich meines Körpers zu und tict so lange im Magen-Darmbereich herum, bis das Völlegefühl wieder nachlässt. Ich hoffe, mich noch besser an die Malariaprophylaxe zu gewöhnen.

Insgesamt bleibe ich drei Wochen auf Bali. Die Zeit vergeht schnell und langsam zugleich. Bis die täglichen Besorgungen gemacht sind, z. B. Brot, Früchte und Gemüse eingekauft oder Wäsche gewaschen, sind gleich ein paar Stunden des Tages vergangen. Eine Waschmaschine habe ich in der Zeit meines Aufenthaltes in den Gästehäusern bzw. kleineren Hotels, in denen ich übernachtete, nicht gesehen. Durch die tropischen Temperaturen sind Hemden und Hosen schnell verschwitzt, und dann muss alles per Hand gewaschen werden. Das braucht Zeit und ist nicht so einfach wie zu Hause mit der Waschmaschine. Aber mit der Zeit gewöhne ich mich daran und es geht mir immer besser von der Hand.

 

ein Foto von mir vor dem Hindutempel Tanah Lot

 

Während meines Aufenthaltes auf Bali besuche ich noch den berühmten hinduistischen Meerestempel Tanah Lot an der Südwestküste und mache eine Fahrt nach Singaraja im Norden der Insel. In der Hauptstadt Denpasar bin ich nur selten, mal zum Einkaufen oder zum Essen in einem guten chinesischen Restaurant, das ich zufällig entdeckt habe. Ja, und einmal wegen eines Hahnenkampfes. Eine kleine Arena ist gefüllt mit Männern, die sich aufgeregt unterhalten, Geldscheine werden hin- und hergereicht, es wird gewettet. Die stolzen und stattlichen Hähne, die an vielen Orten der Insel gehalten und intensiv gepflegt werden, stehen bei solchen Veranstaltungen im Mittelpunkt. Vor dem Kampf werden den Tieren rasiermesserscharfe, zentimeterlange Klingen an die Füße gebunden. Beginnt dann der Kampf, springt ein Hahn mit den Füßen voran in Richtung seines Kontrahenten. Sehr schnell kommt es zu tödlichen Verletzungen im Kopfbereich oder aber ein Fuß wird durch eine der scharfen Klingen schwer verletzt oder gar abgeschnitten, was den Kampf sofort beendet. Das verspritzte Blut der Tiere gilt als Opfer, mit dem böse Geister besänftigt werden sollen. Wie ich erfahren konnte, sind diese Hahnenkämpfe mittlerweile offiziell verboten und werden nur noch bei besonderen religiösen Zeremonien genehmigt.

Die Mehrheit der indonesischen Bevölkerung ist islamisch, auf der Insel Bali jedoch fühlt sich der überwiegende Teil der Menschen dem Hinduismus zugehörig. Der balinesische Hinduismus ist nicht mit dem Hinduismus Indiens zu vergleichen, es existieren vielfältige Unterschiede. Unberührbare gibt es auf Bali nicht. Außerdem findet sich in der balinesischen Weltanschauung ein ausgeprägter Geisterglauben. Gute Geister leben in den Bergen und bringen Wohlstand und Reichtum, böse Geister leben im Meer, in Wäldern und an verlassenen Stränden.

Untrennbar verbunden mit der Kultur Balis sind die vielen Tänze, die mit wunderschönen Kleidern und großer Hingabe getanzt werden. Einer der berühmtesten ist der Legong, der von jungen Mädchen dargeboten wird, um die Götter zu erfreuen und zu ehren. Ein weiterer sehr bekannter Tanz ist der Kecak (Affentanz). Die religiösen Hintergründe zu diesen Tänzen sind teilweise sehr komplex, bei weiterem Interesse empfehle ich in entsprechenden Fachbüchern nachzuschlagen. Die meisten Tanzdarbietungen werden von balinesischen Gamelan-Musikern begleitet, die einen einzigartigen Musikstil zelebrieren, den es in dieser Form nur auf Bali gibt. Diese festlichen Tanzveranstaltungen entführen den Zuschauer in eine andere, fast übersinnliche, exotische Welt.

Am Ende meiner Zeit auf Bali liegt noch ein "Highlight" vor mir. Mit einigen Leuten, die ich in Kuta kennengelernt habe, fahre ich nach Penelokan, am Fuße des Vulkans Mount Batur im Norden der Insel. Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen: die Besteigung des Vulkans Batur (1.717 m) steht auf unserem Programm. Kurz bevor wir losgehen wollen, steigen mehrere große grauschwarze Rauchwolken in der Umgebung des Vulkans auf. 

Mount Batur

 

Etwas ratlos betrachten wir das Ganze und sind uns nicht sicher, was wir tun sollen. Ist eine Besteigung zum jetzigen Zeitpunkt gefährlich? Sollten wir lieber wieder nach Kuta zurückfahren? Wir beschließen, noch eine Stunde zu warten und weiter zu beobachten. Doch in dieser Zeit bleibt alles ruhig und so gehen wir los. Beim Aufstieg lassen wir uns Zeit und betrachten alles sehr genau: Steine, Erde, Vegetation – der Blick auf die Umgebung ist imposant. Nach einigen Stunden sind wir dem Gipfel des Mount Batur schon sehr nahe.

 

 

übelriechende Dämpfe auf dem Weg zum Gipfel

 

Übelriechende Dämpfe steigen auf. Ich bin nun ganz oben und möchte gern in den Krater hineinschauen. Jetzt nur keinen Schritt zuviel machen, ein Absturz wäre tödlich. Für den Blick in den Krater suche ich mir eine Stelle, an der ich nicht abrutschen kann und schaue ganz vorsichtig in die beeindruckende Caldera (Kessel). Die Aussicht am Kraterrand auf die Umgebung ist überwältigend und eröffnet einen tollen Blick auf den Lake Batur.

 

Lake Batur

 

Wir haben alle zu Essen mitgenommen und so vespern wir erst mal in der Nähe des Kraters, bevor wir uns dann ungefähr eine Stunde später wieder zum Abstieg bereit machen. Wir sind alle froh, dass wir uns am Morgen durch die dunklen Rauchwolken nicht abschrecken ließen und den Aufstieg gewagt haben. Obwohl sich das Ganze natürlich auch sehr ungünstig hätte entwickeln können, denn Ausbrüche des Mont Batur sind nach wie vor nicht auszuschließen, wie wir später erfuhren.

Müde und erschöpft erreichen wir unsere Unterkunft. Am nächsten Morgen kehren wir nach Kuta zurück. Die letzte Woche auf Bali war geprägt von intensivem Nachdenken darüber, wie nun meine Reise weitergehen sollte. Folgende Pläne hatte ich gemacht:

Reiseroute 1:

Flug nach Darwin (Nordaustralien), dann über Land nach Sydney, Flug nach Neuseeland, Flug zu den Tonga- und Fiji-Inseln, Rückflug nach Sydney und Frankfurt/Main.

Reiseroute 2:

von Bali aus zurück über Djakarta, Singapur nach Bangkok, dann Flug nach Rangun (Burma, heutiges Myanmar), dann weiter nach Indien und Nepal. Die Heimreise nach Deutschland von dort aus entweder per Flugzeug oder über Land.

Wie mir einige Globetrotter berichten, kann das Reisen in der Südsee zu einer insgesamt sehr kostspieligen Angelegenheit werden. Einige Reiseführer für Rucksackreisende beschreiben zwar auch günstige Unterkünfte, aber meistens wären die Hotels und Gästehäuser recht teuer. Zusätzlich entstehen erhebliche Transportkosten (Flug oder Schiff) durch die teilweise Tausende von Kilometern auseinander liegenden Inseln bzw. Inselgruppen. Nach intensivem Nachdenken entschied ich mich für die Reiseroute 2 und zwar nicht nur wegen der geringeren Reisekosten, sondern auch, weil ich ganz unerwartet starkes Heimweh nach Deutschland hatte. Ich war nun schon viele Wochen von zu Hause weg, musste fast ausschließlich Englisch sprechen, die fremde Umgebung, das meistens zwar gute, aber doch ungewohnte Essen (z. B. kein Vollkornbrot, kein Kuchen, keine Lieblingsspeisen), das kräfteraubende schwülheiße tropische Klima, fehlende Gespräche mit Freunden und einiges andere mehr ließen bei mir eine große Sehnsucht nach zu Hause entstehen. Das gerade entgegengesetzte Gefühl wie zu Beginn meiner Reise. Bei der Entscheidung für die Reiseroute 2 bewegte ich mich wenigstens schon in etwa in Richtung Heimat.

Nun war es also entschieden, ich würde Bali in Richtung Java verlassen. Ich hatte eine wunderschöne Zeit auf der "Insel der Götter", wie Bali auch oft bezeichnet wird. Wie ich aus Reiseberichten im Internet und auch in der Presse erfahren konnte, haben sich die Bedingungen für Touristen auf den Inseln Sumatra, Java und Bali mittlerweile sehr verändert. Viele Reisende berichten von deutlich höheren Preisen für Unterkunft und Essen als noch vor einigen Jahren und von vielen neuen Gebühren bzw. Kosten, die für alle möglichen touristischen Unternehmungen erhoben werden. Das ist zwar schade, aber wohl das Ergebnis des Massentourismus aus aller Welt. 

Nächstes Reiseziel: der Vulkan Mount Bromo (2.392 m) im Osten Javas. Besteigung ganz früh morgens, grandioser Rundblick, die Umgebung erinnert an eine Landschaft auf einem fernen Planeten.

 

Umgebung des Mount Bromo

 

 

Krater des Mount Bromo

 

Blick in den Krater des Mount Bromo

 

Ich bleibe zwei Tage und wandere in der Vulkanlandschaft umher, Übernachtung in einem kleinen Hotel am Fuße des Mount Bromo. Nachts wird es empfindlich kühl. Dann fahre ich nach Probolinggo, einer Stadt an der Küste, nordöstlich des Mount Bromo gelegen. Etwas außerhalb miete ich in einem kleinen Fischerdorf ein Zimmer in Strandnähe. Relaxen ist angesagt und herrliche Spaziergänge an menschenleeren Stränden. Bei einem dieser Spaziergänge komme ich in einen fürchterlichen, monsunartigen Regen. Es schüttet sprichwörtlich wie aus Kübeln! Ich werde trotz Regenschirm nass bis auf die Haut. Pass, Bargeld und Travellerschecks werden ebenfalls total nass, so dass ich sie in meinem Zimmer mit Wäscheklammern zum Trocken aufhängen muss. Erst nach zwei Tagen sind die wichtigen Dokumente, Geld und Schecks wieder in einem gebrauchsfähigen Zustand.

Nach dieser "Regengeschichte" und zwei weiteren Ruhetagen Weiterfahrt nach Yogyakarta (Mitteljava). Zunächst Suche nach einer Unterkunft, anschließend Essen einkaufen und Sightseeing. Ich bleibe drei Tage. In der Nähe von Yogyakarta liegt Borobudur, eines der größten buddhistischen Kultbauwerke der Welt, das um das Jahr 830 fertig gestellt wurde (ca. 2000 Reliefs, 420 Buddhastatuen). Beim Ausbruch des Vulkans Merapi im Jahr 1006 wurde Borobudur schwer beschädigt und teilweise verschüttet, der Dschungel begann das Heiligtum zu überwuchern. 1907 beginnen systematische Restaurierungsarbeiten. Ich besichtige, was zum Zeitpunkt meiner Reise 1978 möglich ist. Borobudur ist nach meinen Informationen erst fünf Jahre später (1983) wieder umfassend restauriert.

Nächstes Reiseziel: Djakarta, die Hauptstadt Indonesiens. Ich buche bei Pelni-Lines in Djakarta ein Ticket für eine Überfahrt mit dem Schiff nach Singapur. Allerdings muss ich auf die Abfahrt noch 4 Tage warten. Was tun in der Zwischenzeit? Einfach auszuruhen, dafür bin ich zu tourettisch und zu hyperaktiv! In einem Reiseführer lese ich von den traumhaft schönen Vogelinseln Pulau Dua in der Sundastraße (Meerenge zwischen Java und Sumatra), und schon war ein neuer Wunsch geboren. Oft nicht richtig ausruhen und loslassen können, das ist meine Natur, seit ich denken kann. Ich nehme zunächst einmal einen Bus in westlicher Richtung, denn Pulau Dua scheint niemand zu kennen. Der Fahrer fährt ziemlich schnell. Auf einer Straße mit Böschungen auf der linken und rechten Seite, platzt bei großer Geschwindigkeit ein Vorderreifen. Ich sitze ganz vorne rechts neben dem Fahrer und sehe, wie er innerhalb weniger Sekunden die Kontrolle über den Bus verliert. Er rudert wie wild am Steuerrad, doch da geht nichts mehr. Wir rasen fast ungebremst auf die Böschung an der linken Straßenseite zu und stürzen den Abhang hinunter. Oh, mein Gott, ist das mein Ende? Unser Bus überschlägt sich mehrmals und rutscht auf dem Gras der Böschung immer weiter. Neben dem Fahrersitz ist eine Haltestange, die ich gerade noch zu fassen bekomme, daran halte ich mich fest. Wie eine Marionette werde ich im Bus hoch- und runtergeschleudert. Ich höre zahlreiche Scheiben zerbersten, Glassplitter fliegen wie Geschosse durch den Bus. Nachdem sich der Bus dreimal überschlagen hat, bleiben wir in einem Reisfeld halb auf der Seite liegen. Ich kann es noch nicht glauben, dass alles vorbei ist. Ängstlich untersuche ich mich nach Verletzungen, doch außer einigen Schürfwunden und Prellungen habe ich das Unglück unverletzt überstanden. Ich bin unendlich dankbar! Mehreren Fahrgästen geht es deutlich schlechter. Viele haben gefährliche Schnittwunden am Körper und im Gesicht. Die rechte, vordere Eingangstür des Busses liegt halb im unter Wasser stehenden Reisfeld, Aussteigen geht gerade noch. Nichts wie raus hier, denke ich! Später sitzen viele verletzte Fahrgäste am Straßenrand und warten auf ärztliche Hilfe. Plötzlich hält ein Luxusbus der gleichen Gesellschaft und der Fahrer fragt, ob jemand mitfahren möchte. Nach einigem Zögern entscheide ich mich, zusammen mit einigen anderen Fahrgästen, mitzufahren. Wir versprechen, die nächstgelegene Polizeistation sofort zu verständigen und ärztliche Hilfe anzufordern. Was wir dann auch tun. Wie es den Verletzten dann noch ergangen ist, konnte ich allerdings nicht mehr in Erfahrung bringen.

Der weitere Verlauf meiner Reise ist ziemlich unbefriedigend. Die schönen Vogelinseln Pulau Dua scheint niemand zu kennen. Alle Einheimischen, die ich frage, schütteln nur unwissend den Kopf. In der Stadt Serang finde ich einen Taxifahrer, der mich an den Ort an der Küste bringt, an dem angeblich die Schiffe zu den Vogelinseln abfahren sollen. Dort angelangt muss ich feststellen, dass es keinen regelmäßigen Schiffsverkehr gibt, stattdessen müsste ein ganzes Schiff für 500 Dollar gechartert werden. Wie lange die Überfahrt dauert, darüber kann mir auch niemand Auskunft geben, da die Einheimischen in diesem Teil Javas kaum Englisch sprechen. Entnervt entschließe ich mich, dieses Reiseziel aufzugeben, und kehre ziemlich frustriert noch am gleichen Tag nach Serang zurück, wo ich dann auch übernachte. Dies war einer der schlimmsten Tage meiner ganzen Reise. Der Schock durch den Busunfall hatte meine Tics merkwürdigerweise ganz in den Hintergrund gedrängt, erst abends, als ich darüber nachdachte, was alles hätte passieren können, entstanden ein paar heftige, mehrere Minuten dauernde Ticattacken. Die vielen Ereignisse lassen mich nicht richtig zur Ruhe kommen, erst spät in der Nacht schlafe ich erschöpft ein. Am nächsten Morgen kehre ich nach Djakarta zurück. Ich kaufe noch etwas Proviant für die Schiffsfahrt nach Singapur. Die Abfahrt ist für den 17. Juli 1978 um 18.00 Uhr vorgesehen. Um mich etwas abzulenken, besichtige ich den "Old Harbour" von Djakarta.

 

Old Harbour von Djakarta

 

Am Nachmittag des 17. Juli fahre ich mit einem Bus zum Hafen und gehe an Bord des Schiffes nach Singapur, auf dem ich jetzt drei Tage und zwei Nächte zubringen werde. Mit ungefähr zwei Stunden Verspätung starten wir. Die wenigen Europäer an Bord sitzen zusammen an Deck und tauschen Reiseerfahrungen aus. Schnell komme ich mit ihnen ins Gespräch. In der Nacht holen wir unsere Schlafsäcke raus und machen es uns gemütlich, so weit das auf dem harten Schiffsboden möglich ist. Für das Schiffspersonal ist das okay, sie haben nichts gegen das Schlafen auf dem Schiffsdeck einzuwenden. Bei ruhiger See erreichen wir am Nachmittag des 19. Juli den auf einer indonesischen Insel vor Singapur liegenden Grenzort Tanjungpinang. Mit einer kleinen Fähre werden ungefähr 100 Passagiere auf die Insel gebracht. Nach der Passportkontrolle geht es mit Schnellbooten weiter nach Singapur. 

 

Skyline von Singapur

 

Nach der Ankunft muss ich mir eine Unterkunft suchen. Ich habe Glück und finde ein zentral gelegenes und preiswertes Zimmer. Singapur, ein kleiner Staat in Südostasien (Republic of Singapore), wird mehrheitlich von Chinesen bewohnt (1998: 77%), die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe sind die Malaien (1998: 14 %), die Inder liegen mit 7 % (1998) an dritter Stelle. Singapur ist ein blühendes Wirtschafts- und Finanzzentrum mit vielen Hotels auf höchstem Niveau und zahlreichen, stilvollen Restaurants. Außerdem ist diese Stadt ein wahres Shoppingparadies. Einkaufspaläste mit teueren Auslagen besitzen Anziehungskraft für Käufer aus aller Welt. Der Verkehr in dieser Millionenmetropole hält sich in Grenzen. Strenge Gesetze erlauben morgens, wenn viele zur Arbeit in die City müssen, nur vollbesetzte Autos für die Fahrt in die Innenstadt (ein Fahrgast pro regulärem Sitzplatz). Das gleiche gilt am Nachmittag, wenn alle wieder nach Hause wollen. Die Menge der Autoabgase bleibt dadurch in einem erträglichen Rahmen. Außerdem gilt Singapur als die sauberste Stadt Asiens. Überall stehen Schilder, die darauf hinweisen, dass das Wegwerfen von Zigarettenkippen, Zigarettenschachteln und anderem Müll, sowie das Hinterlassen von Hundeexkrementen strengstens verboten ist. Ein Verstoß gegen diese Mahnung kostet den Verursacher 500 Singapore-Dollars, was damals einem Gegenwert von DM 500,- entsprach. Diese Vorgaben werden von der Bevölkerung, wie es mir scheint, strikt befolgt, ich sehe kein Fitzelchen Dreck auf den Straßen dieser Stadt.

Ich mache noch ein bisschen normales Sightseeing, besuche den "Chinese Garden" und den Zoo und erlebe Singapur als Stadt voller Gegensätze. Tradition und Moderne sind dicht nebeneinander zu finden. Wolkenkratzer neben taoistischen Tempeln und chinesischen Einfamilienhäusern. Bei einem nachmittäglichen Essen in einem kleinen Restaurant lerne ich den Amerikaner Steve kennen, einen sympathischen Typ, er hat das gleiche Reiseziel. Wir beschließen, gemeinsam nach Kuala Lumpur aufzubrechen, der Hauptstadt Malaysias. Kurz darauf lernen wir einen Schweden kennen, der in Malaysia arbeitet und uns mit dem Auto nach Kuala Lumpur mitnimmt. Er ist sehr freundlich zu uns und lädt uns zum Essen ein. Ja, so was gibt’s auch noch und - wie sich herausstellt - ohne irgendwelche Hintergedanken. Leider hat er wenig Zeit, und so müssen wir uns kurz nach unserer Ankunft in Kuala Lumpur voneinander verabschieden. Das Klima zu dieser Jahreszeit ist feucht und heiß, nachts kühlt es nur wenig ab.

Nach ein paar Tagen geht’s dann weiter. Steve hat andere Reisepläne, und so müssen wir uns leider wieder trennen. Mein nächstes Reiseziel ist Kuantan, eine Stadt an der Ostküste Malaysias. Von dort aus geht es weiter nach Rantan Abang, einem kleinen, aber weltberühmten Ort, an dem die Lederrückenschildkröten jährlich ihre Eier ablegen. Ich bin gerade zur rechten Zeit in dieser Gegend, muss aber bis 2.00 Uhr morgens warten, bis ich eines dieser beeindruckenden Tiere zu sehen bekomme. Nach der Eiablage braucht die Schildkröte eine Dreiviertelstunde, bis sie die schätzungsweise 5-6 Meter zum Meer zurückgelegt hat.

Am nächsten Morgen fahre ich weiter nach Kuala Terrenganu. Die Ostküste Malaysias ist traumhaft schön, kleine Fischerstädtchen und dazwischen immer wieder Palmenstrände. Besonders aufgefallen in den Orten der Ostküste sind mir die zahlreichen chinesischen Apotheken und das vielfältige Angebot an Kräutern, Wurzeln und getrocknetem Getier für alle möglichen Erkrankungen. Die Chinesen sind sehr fleißig und dadurch ökonomisch erfolgreich, ihr politischer Einfluss ist in Malaysia jedoch vergleichsweise gering, wie mir immer wieder berichtet wird.

Meine Reise führt daran anschließend über Kota Baharu und Pasir Mas nach Hat Yai in Südthailand (Ankunft 02.08.78 nachmittags). Von dort aus geht es weiter nach Phuket (Andamanensee/Straße von Malakka). Hier möchte ich mal wieder ein paar Tage relaxen. Die häufigen Busfahrten beginnen zunehmend an meinen Kräften zu zehren. Das enge Sitzen unter fremden Menschen in oft überfüllten Bussen ist tourettisch gesehen ziemlich stressig. Ich tice motorisch wieder deutlich mehr und versuche, die Tics durch viel Krafteinsatz zu unterdrücken. Die Folge davon sind muskuläre Verkrampfungen im Schulter/Armbereich. Und dazu kommt dann noch diese fürchterliche Hitze! Ich brauche immer häufiger Pausen, um mich kräftemäßig zu regenerieren.

Phuket ist ganz anders, als ich mir es vorgestellt hatte. Der dort vorherrschende internationale Turbotourismus lässt mich nicht richtig zur Ruhe kommen. Zu viele Touristen und zu viel Unruhe überall. Nach vier Tagen fahre ich weiter zur Insel Ko Samui im Golf von Thailand. Die Atmosphäre auf dieser wunderschönen Insel entspricht schon eher meinen Vorstellungen von einem entspannenden Traumurlaub. Damals, im August 1978, gab es in der unmittelbaren Umgebung der Anlegestelle für das Fährschiff eine Handvoll Touristen, die teilweise in Zelten oder auch privat übernachteten, und ein paar kleine Restaurants mit preiswertem gutem Essen. Ko Samui hat bezaubernde Sandstrände, Badebuchten mit bizarren Felsformationen und Palmen ohne Ende. Hier verlebe ich eine wunderbare Zeit. Ich schwimme jeden Tag mehrere Male in dem herrlich warmen Wasser und ernähre mich zu einem großen Teil von frischen, tropischen Früchten.

 

Sandstrand auf Ko Samui

 

Felsformationen am Strand von Ko Samui

 

Mein nächstes Reiseziel: Bangkok. Ankunft am 15. August gegen Mittag. Ich wohne wieder in der Nähe des Bahnhofs, dieses Mal allerdings in einem anderen Hotel mit kleinem Restaurant im Erdgeschoss. Nun muss ich erst mal etwas essen. Mein Magen knurrt. Für die Strecke nach Bangkok hatte ich zuwenig Essen und Getränke besorgt. Es gibt Züge und Busse, die werden bei ihren Stopps umlagert von fliegenden Händlern, die alles Mögliche zum Essen und Trinken anbieten. Wenn das aber mal nicht so ist und man hat vor Reiseantritt nichts oder zuwenig eingekauft, dann kann das ganz schön übel werden, vor allem wenn die Reise zehn Stunden und länger dauert. Ich mache in diesem Zusammenhang die Erfahrung, dass Hunger und Durst über mehrere Stunden meine Tourette-Symptomatik extrem verstärken können.

Im weiteren Verlauf meines Aufenthalts in Bangkok stellt sich für mich die Frage, wie meine Reise nun genau weitergehen soll. Klar ist nur: Richtung Westen, also heimwärts! Durch Zufall entdecke ich in einem Reisebüro ein Angebot der Burma Airways (Burma heißt jetzt Myanmar), das die Flugroute Bangkok-Rangun-Kalkutta-Kathmandu für umgerechnet nur 300,- DM anbietet. Ich denke ein paar Stunden darüber nach und entschließe mich dann zum Kauf eines Flugtickets für diese Strecke. Am nächsten Tag gehe ich zur Botschaft von Burma in Bangkok, um mir ein Visum zu besorgen. Es gibt zwei Möglichkeiten: 7 oder 14 Tage. Ein längerer Aufenthalt ist zur Zeit der Antragsstellung nicht möglich. Ich entscheide mich für ein 7 Tage-Visum, Kosten: 30,- DM. Einen Tag später kann ich meinen Pass mit dem Visum für Burma abholen. Noch zwei Tage bleiben mir bis zur Abreise. Ich blicke zurück auf meine Zeit in Thailand, Malaysia und Indonesien. Zahlreiche Bilder gehen mir durch den Kopf. Ich bin froh, das alles trotz Tourette erlebt zu haben. Ich hatte allerdings zu jener Zeit vorwiegend motorische Tics und nur wenige einfache vokale Tics, jedoch keine lauten, komplexen Vokaltics und keine koprolale Symptomatik. Das war sicher von Vorteil, denn meistens haben mich die Menschen hier zwar erst mal neugierig angeschaut, sich dann aber relativ schnell an mich gewöhnt und nicht mehr sonderlich auf mich geachtet. Ich vermute, dass laute Vokaltics weniger toleriert worden wären, denn diese Erfahrung hatte ich ja auch in Deutschland des Öfteren machen müssen.

Vor meiner Abreise schaue ich noch nach Post im Main Post Office von Bangkok. Hierher sollten Eltern und Freunde ihre poste-restante-Briefe schicken. Das ist wirklich eine tolle Sache, ein Brief musste folgendermaßen adressiert werden:

Main Post Office
poste restante
Vorname/Zuname
Ort
Land

Der Ausdruck "poste restante" (postlagernd) bedeutet, dass ein Traveller Briefe überall in der Welt abholen kann, egal, wo Freunde oder Verwandte sie hingeschickt haben. Bedingung ist ein gültiger Reisepass, mit dem er sich als rechtmäßiger Adressat ausweisen können muss. Postämter in großen Städten haben an einem speziellen Schalter häufig sogar extra einen poste-restante-Hinweis, damit die Reisenden gleich wissen, wo sie hin müssen.

Die letzten Tage in Bangkok. Mein Hotel, wie bereits schon erwähnt, liegt in Bahnhofsnähe. Ich wohne im ersten Stock. Jeden Abend warten mehrere junge Frauen auf dieser Etage auf heimkehrende Touristen und bieten ihnen Liebesdienste an. Sie folgen den Männern bis an ihre Hotelzimmertür. Eine dieser hübschen und verführerischen Frauen sagte einmal zu mir: "What are you doing tonight? You sleep alone? It is not good for men sleep alone in the night! I make it very nice for you!" Es ist wirklich schwer zu widerstehen, aber ich lasse mich nicht darauf ein.

19. August 1978 – Abflug nach Rangun, der Hauptstadt von Burma (Myanmar). Einige Stunden später erreichen wir Rangun International Airport. Burma Airways fliegt mit schnuckeligen kleinen Maschinen des Typs Fokker F 28 mit Zweiersitzreihen auf der linken und rechten Seite. Das sorgt für kleine Passagierzahlen und ein schnelles Check-in!

Nachdem ich das Flughafengebäude verlassen habe, bemerke ich, dass alle Geschäfte, Restaurants, Hotels etc., in für mich unlesbaren Schriftzeichen beschriftet ist (Amtssprache ist birmanisch). Ich kann überhaupt nichts lesen. Dazu kommt, dass viele Einheimische kein Wort Englisch sprechen. Das kann ja heiter werden! Zuallererst suche ich mir jetzt eine Schlafstelle. Nur wenige Hotels haben eine Lizenz für die Beherbergung von Touristen und nur dort ist es den Reisenden gestattet, zu wohnen. Ich entscheide mich für ein ruhiges und zentral gelegenes Hotel. Mit dem angebotenen Zimmer bin ich ganz zufrieden, im Untergeschoß des Hauses gibt es ein Restaurant, für’s leibliche Wohl ist also gesorgt. Nicht ganz unwichtig, diesen Aspekt geklärt zu haben, wie sich schon oft herausgestellt hat.

Burma ist fast doppelt so groß wie Deutschland. Zu jener Zeit ist der Haupterwerbszweig der Bevölkerung der Agrarbereich. Das Hauptexportprodukt ist Reis, weitere wichtige Erzeugnisse sind Zuckerrohr, Erdnüsse, Hülsenfrüchte, Sesam, Mais, Weizen, Tee, Tabak, Baumwolle und Kautschuk.

Die ersten Eindrücke von Rangun zeigen mir einmal mehr, wie unterschiedlich die Menschen in den jeweiligen Ländern leben. Ein paar Stunden Flug in ein anderes Land und schon ist alles anders. Häuser, Straßen, Essen, Lebensverhältnisse. Viele Gebäude in der Innenstadt sind in einem renovierungsbedürftigen Zustand. In den Straßen sind viele alte Jeeps unterwegs. Ich fühle mich zeitlich um 50 Jahre zurückversetzt. Die Burmesen selbst erlebe ich als zurückhaltend, aber sehr freundlich. Bevor ich in den Norden von Burma fahre, besuche ich die prachtvolle Schwedagon-Pagode in Rangun, ein Meisterwerk buddhistischer Baukunst. Gold und Edelsteine sind hier mit beeindruckender Kunstfertigkeit als Ausdruck der Verehrung für Buddhas Leben und Werk verarbeitet.

 

Shwedagon Pagode in Rangun

 

Am dritten Tag meines Aufenthaltes in Burma fahre ich mit dem Zug in den Norden des Landes nach Mandalay (Hauptstadt Burmas von 1860-1885). An den Haltebahnhöfen werden zahlreiche Speisen und Getränke angeboten, durch den Zug läuft während der Fahrt mehrere Male ein junger Mann und bietet in einem Korb gebratenes kaltes Hühnchen an. 

 

Junges Mädchen in einem Dorf auf dem Weg nach Mandalay

 

Nach ungefähr zehn Stunden Zugfahrt bei tropischen Temperaturen erreiche ich Mandalay. Wo ist das nächste Sofa? Ich bin megamüde! Ich schlafe fast zehn Stunden am Stück und bin morgens glücklicherweise wieder erholt für neue Unternehmungen. Das ist auch gut so, denn ich habe mich spontan entschlossen, den berühmten Mandalay-Hill zu besteigen. Der Überlieferung nach soll Buddha auf diesem Hügel geweilt haben. Der Weg nach oben ist zu einem Pilgerpfad ausgebaut. Angeblich sind es bis ganz nach oben 1729 Stufen, die erklommen werden müssen. Ich brauche 1 ½ Stunden, um den obersten Punkt zu erreichen, von dem aus sich ein überwältigender Blick auf die Umgebung bietet. Zahllose kleinere weiße Stupas, soweit das Auge reicht, zeugen von der tiefen Gläubigkeit der buddhistischen Bevölkerung und der großen Verehrung der Lehre Buddhas. 

 

Aufgang zum Mandalay-Hill

 

Ausblick vom Mandalay-Hill

Nach einer Stunde steige ich wieder hinunter. Bevor ich in mein Hotel zurückkehre, besichtige ich noch die in der Nähe des Mandalay-Hill liegende Kuthodaw-Pagode. Sie wurde im Auftrag von König Mindon im Jahre 1868 errichtet und später mit 729 kleinen steinernen Pagoden umgeben.

 

Kuthodaw-Pagode

 

Im Jahre 1871 hatte König Mindon die fünfte buddhistische Weltsynode nach Mandalay einberufen. Während dieser Zusammenkunft einigten sich die Anwesenden auf eine neue einheitliche Fassung der heiligen buddhistischen Schriften. Bis zu dieser Zeit wurden die Lehrsätze der buddhistischen Philosophie auf Palmblätter geschrieben und in Körben aufbewahrt, doch in Mandalay wurde ein ganz neuer Weg beschritten. 2400 Mönche – so die Überlieferung – meißelten in einem Zeitraum von sechs Jahren die überarbeitete Fassung der heiligen Schriften in Marmortafeln, die nun in den 729 Pagoden der Kuthodaw-Anlage aufbewahrt werden.

Ich verweile fast zwei Stunden an diesem eindrucksvollen Ort, dann zwingt mich die unerträgliche Nachmittagshitze in mein Hotel zurück. Nach einem weiteren Tag in Mandalay trete ich die Rückreise nach Rangun an. Kurz nach meiner Ankunft ereilt mich ein höllischer Durchfall. Ich bin fast den ganzen Tag lahm gelegt und muss mich ständig in der Nähe eines WC’s aufhalten. Durch den ständigen Durchfall bin ich total entkräftet und hoffe, bis zu meinem Abflug nach Kalkutta wieder auf die Beine zu kommen. Nachdem mein Darm sich etwas beruhigt hat, gehe ich in ein teures Restaurant zum Essen. Ich hoffe auf gutes Essen und werde nicht enttäuscht. Das leckere vegetarische Mahl würze ich mit reichlich scharfer Chilipaste und hoffe, durch diese Maßnahme meine Abwehrkräfte zu mobilisieren. Es hilft, und mein WC-orientiertes Leben wird wieder abgelöst durch angenehmere Tätigkeiten. Dann heißt es mal wieder Rucksack packen und fertig machen für die Abreise.

26. August 1978: Flug nach Kalkutta, der Hauptstadt des indischen Unionsstaates West-Bengalen. Kalkutta liegt am Fluss Hooghly (Gangesmündungsarm) und ist der Mittelpunkt einer stark bevölkerten Region. Trotz seiner 140 km Küstenentfernung hat es einen bedeutenden Hafen und ist das Haupthandels- und Produktionszentrum Ostindiens. Das Klima in diesem Teil Indiens ist subtropisch, Temperaturen und Luftfeuchtigkeit in der sommerlichen Regenzeit sind sehr hoch.

Ein Taxifahrer am Ausgang des Flughafengebäudes am Kalkutta International Airport hat gleich einen wichtigen Tipp für mich. "I know a very good hotel, very cheap! I can show you!" Okay, sage ich, show me! Das gute, billige Hotel hat eine sehr einfache Ausstattung und ist ein bisschen schmuddelig. Ich habe an diesem Tag allerdings keine große Lust, nach einem anderen Hotel zu suchen und bleibe. Nach dem Ausruhen gehe ich erst einmal etwas essen. Bei indischem Essen wird ja nicht mit Chili gespart, das weckt Erinnerungen an meinen ersten Aufenthalt in Indien zwei Jahre zuvor. Ich schlendere noch ein bißchen durch den Stadtteil, in dem ich wohne, später kehre ich dann in mein Hotel zurück. Dort lerne ich noch ein paar Traveller kennen, wir tauschen Reiseerfahrungen aus und gehen abends noch zusammen was trinken. Angesichts der riesigen Ausdehnungen Kalkuttas entschließe ich mich, am nächsten Tag an einer organisierten Sightseeing-Tour teilzunehmen.

Immer wieder treffe ich hier auf bettelnde Kinder. Die Not dieser Kleinen ist für mich schwer zu ertragen. Meistens wollen sie Geld. Gebe ich einem Kind etwas, stehen gleich 20 oder 30 weitere Kinder um mich herum und strecken mir ihre Hand entgegen. Die Wohnungsnot in Kalkutta erlebe ich zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes als sehr groß. In den Nachtstunden füllen sich die Bürgersteige in der Nähe und in der weiteren Umgebung meines Hotels mit vielen Menschen. Tausende haben keine eigene Wohnung und leben auf der Straße oder in überfüllten Slums, wie mir Einheimische erzählen.

31. August 1978: Flug nach Kathmandu (1.450 m), der Hauptstadt des Königreichs Nepal. Nachdem ich abends zeitig am Flughafen in Kalkutta eingetroffen war, wird den Passagieren mitgeteilt, dass sich der Abflug verzögert. Bis zum tatsächlichen Abflug vergehen noch einige Stunden. Dann endlich der Aufruf, an Bord des Flugzeugs zu gehen. Ein weiterer Flug mit Burma Airways. Ich sitze in einer Sitzreihe auf der rechten Seite und habe somit einen Blick nach Osten. Nach ungefähr zwei Stunden Flug taucht aus östlicher Richtung plötzlich ein sanftes Morgenrot auf und durchflutet den Passagierraum mit einem milden, rötlichen Licht. Ich mache mit meinem Fotoapparat mehrere Aufnahmen, um die besondere Stimmung dieser Situation einzufangen. Ich frage eine Stewardess, ob ich im Cockpit ein Foto machen dürfe. Die beiden Piloten geben ihr okay. Im Cockpit ist zu sehen, dass die ersten Sonnenstrahlen auch die höchsten Berge des Himalaya in ein leichtes Rot tauchen. Ich bin überwältigt von diesem Naturschauspiel. Einer der Piloten zeigt auf einen der Berge und sagt: "This one is Mount Everest!" - "Is it really true?" frage ich. "Yes, yes, absolutely!" erwidert er. Ich mache mehrere Aufnahmen und unterhalte mich noch kurze Zeit mit den Piloten. "We will arrive in Kathmandu very soon!" - "Thank you – bye bye", sage ich und gehe wieder zurück in den Passagierraum.

Nach der Landung und Check-out Fahrt mit einem Taxi zur Innenstadt von Kathmandu und Hotelsuche. Ich wohne zentral in einem Hotel zusammen mit einigen wenigen einheimischen, aber vielen internationalen Gästen. Sie kommen hauptsächlich aus USA, England, Deutschland, Frankreich, Italien, Australien und Neuseeland. Im Wesentlichen sind es Globetrotter des Typs supercoole Worldtraveller, die in der Welt schon viel herumgekommen sind und das auch entsprechend ausstrahlen und für die Nepal nur ein Zwischenstopp ist für Reisen in andere asiatische Länder. Es gibt aber auch noch einige andere, die sich schon viele Monate ausschließlich in Nepal aufhalten, täglich Drogen konsumieren und nicht mehr in ihre Herkunftsländer zurück wollen.

Die Eingänge zu den Zimmern in meinem Hotel sind sehr niedrig, nur Personen mit einer Körpergröße von ca. 170 cm können aufrecht hinein gehen. Ich bin 1.80 m groß und mache einige unangenehme Erfahrungen mit dem oberen Türrahmen, bis ich daran denke, mich beim Eintritt etwas zu bücken. Die Versorgung in unmittelbarer Umgebung meines Hotels ist optimal. Ein kleines Geschäft verkauft Vollkornbrot, einige andere bieten jeden Nachmittag frischen Kuchen an. Um die Ecke ist eine Molkerei, an jedem Morgen gibt es dort frische Milch. Auch eine Käsesorte haben sie in ihrem Angebot. In der weiteren Umgebung gibt es viele kleine Restaurants mit preiswertem Essen. Ein Rumpsteak mit Pommes frites und Salat ist für umgerechnet 3,- DM zu haben. Ich hatte mich zwar damals schon zu einer im Wesentlichen vegetarischen Ernährung entschlossen, doch hin und wieder aß ich noch Fleisch.

Kathmandu und seine Sehenswürdigkeiten, die vielen schönen Tempel, Häuser und Plätze. Die ganze Stadt wirkt auf mich wie ein großes Museum. Ich genieße es, an einem Tempel zu sitzen und dem Treiben der Bewohner zuzuschauen. Nach ein paar Tagen in Kathmandu mache ich einen Kurzausflug in die wunderschöne Stadt Bhadgaon (15 km östlich von Kathmandu) mit zahlreichen altertümlichen Tempel- und Palastbauten. Danach verlasse ich Kathmandu in Richtung Pokhara, das ich nach einer achtstündigen Busfahrt erreiche. Pokhara ist Treffpunkt für Freaks, Trekker und Normaltouristen zugleich. In den vielen Lodges kann preiswert übernachtet werden. Außerdem ist hier der Ausgangspunkt für viele Treks, zum Beispiel zum Annapurna oder auch für Ein- oder Zweitagestouren. Ich trekke auch ein bißchen in den Bergen, soweit das meine Kräfte zulassen. Die Distanzen und zu überwindenden Höhen sind gewaltig. So langsam spüre ich, dass ich bereits mehrere Monate unterwegs bin und diese Reise schon viel Kraft gekostet hat. Die Idee, möglicherweise die ganze Strecke nach Deutschland über Land zurückzufahren und nicht zu fliegen, führt mich zu dem Entschluss, die traumhafte Bergkulisse des Himalaya nur locker wandernd zu genießen und mich kräftemäßig nicht durch Extrem-Trekkingtouren zu verausgaben. Außerdem fehlt mir für solche Unternehmungen die Ausrüstung und die Erfahrung. Ich bin auch mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich fast nichts mehr aufnehmen kann, mein Kopf ist voll von Eindrücken meiner bisherigen Reise. Ich mache ein paar Tage total auf Relax, schlafe viel und miete mir ab und zu ein Boot für einen Ausflug auf dem Pokhara-Lake. Tagsüber ist es in der Sonne auch um diese Jahreszeit sehr schön warm. Ich genieße die wärmenden Sonnenstrahlen und verbringe einige entspannende Tage. Dann Rückkehr nach Kathmandu.

Ich wohne wieder im gleichen Hotel wie bei meiner ersten Ankunft in Kathmandu. Auf meiner Etage lerne ich einen Mannheimer kennen, 16 Jahre alt, heroinabhängig. Ich erfahre in den darauf folgenden Tagen das ganze Elend diesen jungen Menschen, seine Perspektivlosigkeit, seine Hilflosigkeit. Er hält sich schon seit einigen Monaten in Kathmandu auf und lebt von den Banküberweisungen seiner Mutter. Wenn das Geld knapp wird, schreibt er Briefe an seine Mutter: "Bitte schicke Geld, ich habe nichts mehr zu essen!" Das Geld setzt er dann zum größten Teil in Drogen um. Ab und zu kauft er sich eine Kleinigkeit zu essen: "Appetit habe ich sowieso nur noch sehr selten", sagt er zu mir. Wenn das Geld für das Heroin knapp wird, kauft er sich Haschisch und kifft den ganzen Tag, um den Entzug nicht so sehr zu spüren. Er ist abgemagert bis auf schätzungsweise 50 Kilo. Eines Morgens treffe ich ihn, er sagt: "Ich habe schon seit zwei Tagen fast nichts mehr gegessen. Würdest Du mich heute Mittag zum Essen einladen?" Ich sage ja, okay. Gegen Mittag gehen wir zusammen in ein Restaurant, er bestellt ein Steak mit Salat und Pommes. Als er beginnt, sein Steak zu schneiden, fängt er heftig an zu zittern. Es gelingt ihm nicht, das Fleisch klein zu schneiden und er bittet mich, das für ihn zu tun. Mit viel Mühe führt er anschließend die Gabel zum Mund, mehrere Male fällt ihm das Essen herunter. Von seiner Portion kann er etwas mehr als die Hälfte essen, dann ist er plötzlich satt. Ich vermute, dass sein Magen überhaupt nicht mehr an größere Mengen Nahrung gewöhnt ist, nachdem er schon seit Monaten so wenig zu sich nimmt. Die Tage darauf sehe ich ihn kaum. 

An einem Abend bin ich auf dem Weg zur Dusche im Kellergeschoß des Hotels. Total aufgelöst steht er plötzlich vor mir und sagt: "Ich bin auf einem absoluten Horrortrip, das ist immer so, wenn ich auf Entzug bin, ich muss dringend mit dir reden!" Ich sage, dass ich gerade zum Duschen wolle und ihn später in seinem Hotelzimmer besuchen werde. Er macht ein unglaubliches Theater, gestikuliert wild herum und spricht von Todesängsten. Aufgrund dieses Spektakels mache ich den ersten gravierenden Fehler auf meiner Reise. Nachdem er mich gebeten hat, in meinem Zimmer auf mich warten zu dürfen, gebe ich ihm meinen Hotelzimmerschlüssel. Schon nach wenigen Minuten habe ich ein sehr ungutes Gefühl und beeile mich mit dem Duschen. In renne hoch in mein Zimmer, die Tür ist angelehnt und von ihm keine Spur. Der Schlüssel steckt im Vorhängeschloss und auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung zu sein. Pass und Geld nehme ich grundsätzlich immer mit zum Duschen, einer meiner Reisegrundsätze. Als ich den durchwühlten Rucksack erblicke, ahne ich Schlimmes und bemerke gleich: mein Fotoapparat ist weg. So ein Mist! Äußerst wütend ziehe ich mich an und gehe sofort zu seinem Zimmer. Er ist nicht da! Erst am Abend kann ich ihn zur Rede stellen und mit der Situation konfrontieren, dass mein Fotoapparat entwendet wurde: "Hast du Geld für Heroin gebraucht und meinen Fotoapparat geklaut?", frage ich ihn. Er streitet vehement ab, den Fotoapparat genommen zu haben. Ich weiß nicht, ob ich ihm glauben soll. "Wie kannst du nur das Zimmer offen stehen lassen, du hättest abschließen müssen", sage ich. Aber all diese Argumente bringen nichts, ich kann ihm nichts beweisen, denn genauso gut hätte es auch ein anderer sein können, das Hotelzimmer stand ungefähr 10 Minuten offen. Zeit genug, den Fotoapparat zu nehmen und zu schnellem Geld zu machen. Ich habe einen Fehler gemacht, obwohl ich wusste, unter welchem Druck Fixer stehen, Bares zu beschaffen. Ich breche meinen Kontakt zu ihm ab und schaue in diversen Fotogeschäften Kathmandus, die gebrauchte Kameras verkaufen, ob meine Konica irgendwo auftaucht. Leider ohne Erfolg! Viele schöne Fotos, beispielsweise vom Mount Everst in der Morgensonne oder von meinen Wanderungen in den Bergen Nepals sind verloren. Ich bin total frustriert. Da ich nicht genügend Geld dabei habe, einen neuen Fotoapparat zu kaufen, sind ab jetzt in diesem Reisebericht auch keine Fotos mehr zu sehen.

Einige Tage später verlasse ich Nepal in Richtung Indien, das ich, unabhängig von diesem Erlebnis, als eines der schönsten Länder auf meiner Reise empfinde. Mitte September erreiche ich die Stadt Varanasi im Norden von Indien. Varanasi (früher Benares) liegt im indischen Unionsstaat Uttar Pradesh direkt am Ganges. Es ist der am meisten besuchte Wallfahrtsort der Hindus mit rund 1500 Tempeln. Riesige Menschenmengen versammeln sich am Ufer des Ganges, an dem die so genannten Ghats (so werden die Ufertreppen genannt) hinunter zum Wasser führen, um religiöse Waschungen vorzunehmen. Die Hindus glauben, dass sie durch das Eintauchen in das Wasser des Ganges von ihren Sünden reingewaschen werden, der Tod bzw. die Verbrennung an seinen Ufern führe zur Erlösung und zur Befreiung aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten. Einige Bereiche des Gangesufers sind für Feuerbestattungen vorgesehen. Zutritt zu diesen Verbrennungsplätzen haben nur gläubige Hindus. Interessierte Nicht-Hindus können sich mit gemieteten Booten auf dem Ganges in die Nähe der Feuerbestattungen bringen lassen, das ist erlaubt. In den engen Gassen in der Nähe des Ganges erlebe ich es an einem Nachmittag mehrmals, dass Leichname zur Verbrennung hinunter an den Fluss gebracht werden. Die Allgegenwart des Todes habe ich selten deutlicher gespürt als in Varanasi. Ich bin zutiefst beeindruckt von der gelebten Religiosität in dieser Stadt, die ich in dieser Intensität und Hingabe selten erlebt habe.

Meine Unterkunft in Varanasi ist eher bescheiden. In einem Schlafsaal übernachte ich mit 15 weiteren Indern und Touristen. Zwei Wochen vor meiner Ankunft hatte es in diesem Teil Indiens intensive Regenfälle gegeben, die teilweise zu schlimmen Überschwemmungen geführt hatten. Einige Teile der Stadt stehen noch unter Wasser. Während meines Aufenthaltes wird von der Stadtverwaltung das Auftreten vereinzelter Choleraerkrankungen gemeldet. Ich bin sehr vorsichtig, wo und was ich esse und trinke nur noch heiße Getränke. Nach insgesamt vier Tagen verlasse ich Varanasi, nächstes Reiseziel ist Agra. Ich besuche das weltberühmte Taj Mahal in einer Vollmondnacht. Das berühmte Grabmal ist ganz in silbernes Licht getaucht. In Agra lerne ich zwei nette Leute aus Deutschland kennen, Marianne und Achim.

Durch Zufall entdecke ich ein kleines Musikgeschäft in Agra, das unter anderem Sitars und Tablas verkauft. Ich war schon immer begeistert von Sitarmusik. Der Shopkeeper zeigt mir, wie ich sitzen und die Sitar halten muss. Da ich zu Hause schon ein eifriger Gitarrenspieler war, kann ich einige der von ihm vorgetragenen Melodien in etwa nachspielen. In den darauf folgenden Tagen ist des Öfteren ein Sitarlehrer anwesend, von dem ich noch weiteres über dieses herrliche Instrument lernen kann. Meine Gedanken drehen sich nur noch um das Sitarspielen. Für umgerechnet 125,- DM kaufe ich eine Sitar mit Koffer. Doch bei allem Überschwang taucht plötzlich das Problem auf, wie ich die Sitar Tausende von Kilometern sicher nach Hause transportieren soll. Zu meinem großen Glück ist Achim bei diesem Kauf anwesend. Spontan bietet er mir an, meine Sitar auf seinem Heimflug nach Deutschland Ende September mitzunehmen. Wenn ich dann wieder zu Hause wäre, könnte ich mein Instrument bei ihm in Mannheim abholen. Das ist natürlich ein sehr verlockendes Angebot. Die Sitar den langen Weg über Land nach Deutschland zu transportieren, wäre sehr beschwerlich. Nach einigem Zögern willige ich ein.

Nächste Station: New Delhi. Hier bin ich nur zwei Tage. Ich verabschiede mich von Marianne und Achim, die von hier aus nach Deutschland zurückfliegen und übergebe ihnen etwas ängstlich meine Sitar. Hoffentlich geht alles gut beim Zoll und während des Transports. Von Delhi aus, das ich schon bei meinem ersten Indienaufenthalt 1976 intensiv besichtigt hatte, fahre ich weiter nach Jammu (Nordwestindien), wo ich in einem sehr schönen und gepflegten Hotel übernachte. Am nächsten Morgen geht’s dann in einer fast 12-stündigen Busfahrt nach Srinagar in Kaschmir. Die Fahrt dorthin ist sehr anstrengend, doch die wunderschöne Landschaft entschädigt mich für den Reisestress. In dieser fruchtbaren Gegend werden unter anderem Reis, Mais und Weizen angebaut. Bedeutend ist die Haltung und die Zucht von Rindern, Schafen, Ziegen und Geflügel. Wichtige weitere Industriezweige sind die Seiden- und Teppichweberei.

Nachts wird es schon hübsch kalt in Srinagar. Ich schlafe mit dickem Pullover in meinem Schlafsack. Besichtigungen, Einkäufe, Bootsfahrten auf dem Dal-See. Die Sehnsucht nach zu Hause meldet sich zurück! Nie hätte ich gedacht, dass sich das Fernweh zum Beginn dieser Reise innerhalb weniger Monate in’s gerade Gegenteil verkehren könnte. Nächstes Reiseziel: Amritsar im indischen Unionsstaat Punjab, nahe der indisch-pakistanischen Grenze. Hier besichtige ich das Hauptheiligtum der Sikhs, den Golden Temple. Ein Traum aus Gold und Marmor. Die Anmut dieses Tempels und die Spiritualität und Freundlichkeit der Sikhs nimmt mich für einige Stunden völlig gefangen. Der Sikhismus ist die von Guru Nanak (1469-1538) gestiftete Religion, die in einem bildfreien Monotheismus hinduistische und islamische Elemente vereint. Kennzeichen der Sikhs: Turban, ungeschnittenes Haar, Dolch. Nach zwei Tagen Aufenthalt in Amritsar reise ich mit einem Kleinbus an die indisch-pakistanische Grenze. Die Grenze zwischen Indien und Pakistan muss zu Fuß überquert werden, es sind einige Hundert Meter. Danach nehme ich einen Bus nach Lahore und dann geht es mit dem Zug weiter nach Peshawar im Nordwesten von Pakistan.

Die Tagestemperaturen sind sehr angenehm, Schwitzen ist nicht mehr. Ankunft in Peshawar am frühen Abend. Ich finde ein sehr schön gelegenes, ruhiges Hotel. Am nächsten Morgen Weiterfahrt nach Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. Zwischen Pakistan und Afghanistan überqueren wir den berühmten Khyberpass, eine 53 km lange Passstraße (höchster Punkt 1.072 m auf pakistanischem Staatsgebiet). Der Khyberpass ist ein wichtiger Handelsweg und seit jeher von großer strategischer Bedeutung.

Ankunft in Kabul und Hotelsuche. Ich finde ein preiswertes Zimmer. Tagsüber ist es sehr heiß, nachts gehen die Temperaturen runter bis auf unter 10° Celsius (Anfang Oktober 1978). Heizung ist keine vorhanden. Ich schlafe mit allem, was ich an Kleidung dabei habe. Am nächsten Morgen erkundige ich mich nach Busverbindungen Richtung Teheran und Istanbul. Sieht nicht gut aus. Der nächste Bus nach Teheran fährt erst in zwei Wochen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. 

Ganz in der Nähe meines Hotels gibt es einen Bäcker mit einem sehr leckeren Fladenbrot. In seinem Geschäft, das zur Backstube hin offen ist, kann ich zuschauen, wie das wohlriechende Brot gebacken wird. In der gleichen Straße, in der ich wohne, ist ein schönes Restaurant, in dem ich mich des Öfteren aufhalte: große, mit rotem Leder bezogene Sitzgruppen, immer eine gut gefüllte Obstschüssel für die Gäste in der Mitte des Restaurants, insgesamt preiswertes Essen: verschiedene Gemüse- und Fleischmahlzeiten zwischen drei und sieben Mark. Wie mir ein Traveller ein paar Jahr später erzählte, wurde dieses schöne Restaurant durch eine Bombe komplett zerstört.

Straßenbild: zahlreiche Männer mit Turban, Frauen mit Burka (Schleier) und russische Staatsangehörige. Ich treffe ein paar Touristen aus Europa, einige wollen auch nach Westen und haben den gleichen Bus gebucht wie ich. Drei bis vier Tage vor der Abreise bekomme ich einen schlimmen Durchfall. Nichts hilft, auch die "schweren Geschütze" aus meiner Reiseapotheke nicht. Ich bin völlig entkräftet und habe Angst, die Busreise nach Teheran nicht antreten zu können. Am Abend vor der geplanten Abreise lassen die Durchfälle glücklicherweise etwas nach. Ich werde auf jeden Fall fahren, denn noch mal ein oder zwei Wochen auf den nächsten Bus warten, möchte ich nicht. Motorische und vokale Tics haben sich aufgrund des Durchfalls erheblich verschlimmert. Das nervt, vor allem, weil eine solch lange Busreise vor mir liegt. 

Wir fahren von Kabul aus zunächst in südliche Richtung nach Kandahar. Während der Fahrt muss ich den Fahrer zweimal bitten anzuhalten, meine "Darmgeschichte" meldet sich zurück. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, den Bus zu verlassen. Als ich zurückkomme, empfangen mich die Fahrgäste mit verständnisvollem Grinsen. Nach Kandahar fahren wir wieder in nördliche Richtung. In der Stadt Herat, im Nordwesten Afghanistans, hält der Busfahrer an einem Hotel. Wer möchte, kann im Hotel übernachten, wer das nicht will, kann im Bus schlafen.

Insgesamt fahren acht Europäer im Bus mit, der Rest der Fahrgäste setzt sich zusammen aus Afghanen, Iranern, Pakistanis und, last but not least, einem Inder. Ein sehr spezieller, aber auch sehr liebenswerter Mensch. Ich sitze im Bus neben ihm. Er ist sehr fürsorglich, kauft unterwegs Fladenbrot, Schafskäse, Tomaten und Gurken und lädt mich und andere Fahrgäste immer ein, mit zu essen. Seine Familie war einige Jahre zuvor von Uganda direkt nach England ausgewandert, seine eigentliche Heimat Indien hat er jetzt, im Alter von fast 60 Jahren, das erste Mal besucht. An der afghanisch-iranischen Grenze muss er jede seiner ungefähr zehn großen Kisten öffnen, in denen sich zahlreiche indische Souvenirs und Geschenke für seine große Verwandtschaft in England befinden. Die Grenzbeamten inspizieren alles sehr genau. Wir haben wegen dieser Prozedur zwei Stunden zusätzlichen Aufenthalt, bis wir weiterfahren dürfen.

Nachdem wir die Grenze zum Iran passiert haben, fahren wir durch atemberaubende Wüstenlandschaften. Über Meschhed geht es weiter Richtung Teheran, der Hauptstadt des Iran. Insgesamt benötigen wir für die Strecke Kabul - Teheran fast drei Tage. Zur Zeit meines Aufenthalts im Iran im Oktober 1978 ist Schah Reza Pahlewi noch an der Macht (Anmerkung: Sturz der Pahlewi-Dynastie 1979), im Land herrscht Kriegsrecht. Es ist eine Ausgangssperre verhängt von abends 23.00 Uhr bis morgens 4.00 Uhr. Auf die Weiterfahrt nach Istanbul muss ich vier Tage warten, vorher fährt kein Bus in Richtung Türkei. Zusammen mit fünf anderen Reisenden aus dem Bus von Kabul übernachte ich bis zur Abreise in einem großen Hotelzimmer im Zentrum von Teheran.

Die Fahrt in die Türkei führt über Täbris im Nordwesten des Iran in die osttürkische Stadt Erzurum. Nach dem Passieren der iranisch-türkischen Grenze eröffnet sich uns ein herrlicher Blick auf den schneebedeckten Ararat, einen zweigipfeligen erloschenen Vulkan. Mit einer Höhe von 5.139 m ist der Große Ararat der höchste Berg der Türkei. Nach dem Alten Testament strandete Noah mit seiner Arche an einem der beiden Gipfel des Ararat.

Im Osten der Türkei ist es zu dieser Jahreszeit schon ziemlich kühl, ich schätze die Tagestemperaturen auf 10-15° Celsius. Zwei Fenster unseres Busses fehlen komplett, einige Schiebefenster lassen sich nicht mehr schließen. Ein kalter Wind weht durch den Bus. Einmal mehr ziehe ich an Kleidung alles an, was ich dabei habe. Wir erreichen Erzurum, das auf einer Höhe von 1.950 m liegt, frühmorgens. Es ist ziemlich kalt. Die meisten haben ihren Reiseproviant aufgebraucht und sind hungrig. Busstopp am Rande von Erzurum. In einem kleinen Restaurant ist ein Teil der Fahrgäste um einen Ofen versammelt und wärmen sich auf. Für Frühstück ist es noch zu früh, teilt uns der Besitzer mit, seine Mitarbeiter schlafen noch. Es ist 5.30 Uhr. Er würde uns jedoch einige Maroni (Esskastanien) zubereiten und wir könnten heißen Tee dazu trinken. Begeisterte Zustimmung unter den Fahrgästen. Gestärkt und zufrieden besteigen wir nach eineinhalb Stunden wieder unseren Bus. Was doch so ein bisschen Essen und ein heißes Getränk alles bewirken können …

Meine Durchfallerkrankung ist noch immer nicht ganz ausgestanden, doch insgesamt ist es viel besser geworden. Darüber bin ich sehr glücklich. Tagelange Busfahrten mit Durchfall und Magenschmerzen sind nicht der Hit. Insgesamt drei Tage benötigen wir für die Fahrt von Teheran nach Istanbul. Übermüdet und busgestresst komme ich in Istanbul an. Nun erst mal ausruhen. Tourette? Ich durchlebe ein heftiges, häufig wechselndes Tic-Chaos! Die Reiseanstrengungen und der Mangel an Rückzugsmöglichkeiten haben zusätzlich mehrere neue Tics entstehen lassen. Ich bin gefrustet und schleppe unwillig mein tourettisches Tic-Luggage. Ich wohne mit zwei Deutschen aus dem Bus von Teheran im gleichen Hotel. Wir gehen zusammen essen, unterhalten uns, machen gemeinsam Besorgungen und besuchen täglich ein Hamam, ein türkisches Dampfbad. Ein Hamam ist ein öffentliches orientalisches Badehaus, hier wird geschwitzt, man wäscht sich, kann sich mit warmem oder kaltem Wasser übergießen. Eine Massage mit anschließender Waschung durch einen Hamam-Mitarbeiter ist ein Erlebnis, das sich niemand entgehen lassen sollte.

Nach vier Tagen trete ich die endgültige Heimreise an. Ein weiteres Mal mit dem Bus! Die Route führt über Sofia (Bulgarien) und Belgrad (Jugoslawien) nach Salzburg, mit dem Zug dann über München nach Mannheim. Ende Oktober 1978 komme ich erschöpft, aber glücklich in Speyer an. Ich kann es noch nicht richtig glauben, wieder zu Hause zu sein. Die Speyerer Bahnhofshalle kommt mir vor wie ein Ort aus einem anderen Leben. Von meinen bisherigen Reisen weiß ich, dass ich mich nach längeren Auslandsaufenthalten anfangs ziemlich fremd zu Hause fühle. Das ist dieses Mal auch wieder so. Nun muss ich mich erst mal wieder an die Verhältnisse hier an meinem Wohnort und in Deutschland gewöhnen, das wird einige Zeit dauern.

Zusammen mit meinem Vater fuhr ich einige Tage später nach Mannheim, um meine Sitar bei Marianne und Achim abzuholen. Der untere Klangkörper aus Kürbis hatte mehrere lange Risse. Wie Achim mir berichtete, war es nicht erlaubt worden, den Instrumentenkoffer mit in den Passagierraum des Flugzeugs zu nehmen. Das Malheur der Beschädigung muss wohl beim Be- oder Entladen des Flugzeugs passiert sein. Ich hatte auf internationalen Flughäfen häufig beobachten können, wie Koffer und andere Gepäckstücke in großer Hektik von Transportern auf Förderbänder geworfen wurden. Mein Vater und ich flickten die Risse erfolgreich mit Knochenleim. Die Sitar hatte ihren schönen Klang wieder. In den Monaten danach übte ich jeden Tag mehrere Stunden, um die Grundbegriffe des Sitarspiels zu erlernen.

Hier noch einige abschließende Bemerkungen! Während der Reise verlor ich 4 kg Körpergewicht. Mehrere Male hatte ich Flöhe für ein paar Tage. Sehr anhänglich waren einige Läuse, die mich seit Indonesien begleiteten. Megakurzer Haarschnitt und intensive Haarwäsche mehrmals täglich und nach etwa zwei Wochen war ich die Läuse los. Eine Stuhluntersuchung ergab einen Spulwurmbefall. Nach zwei Wurmkuren mit Tabletten war auch dieses Problem gelöst.

Die vielen Tausend Kilometer mit Bussen und Zügen hatten mich viel Kraft gekostet. Dazu kam noch der physische und psychische Stress, den mein TS verursachte. Meine Tourette-Erkrankung war nach meiner Rückkehr auf einem deutlich höheren Niveau. Es dauerte drei bis vier Monate, bis sich die Tic-Symptomatik wieder auf das vorherige Maß eingependelt hatte. Die neu hinzugekommenen motorischen und vokalen Tics schwächten sich ebenfalls wieder ab oder bildeten sich ganz zurück.

Speyer, im Februar 2004 (überarbeitet im Jahr 2007)

 

Quellen:

- Goldmann Lexikon, Bertelsmann Lexikographisches Institut, Taschenbuchausgabe 1998 Wilhelm Goldmann Verlag, München
- Das große illustrierte Tierlexikon, Orbis Verlag, Sonderausgabe 1996
- Astrid Padberg: Reiseberichte und Reisefotographie (Myanmar/Mandalay). Internetpräsenz: astrid-padberg.de

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