Miriam (12): "Mein Leben mit den Tics"

"Begonnen hat alles im Kindergarten – ich zwinkerte mit den Augen und da die Kindergärtnerin und meine Eltern dachten, ich hätte ein Problem mit meinen Augen, gingen wir zunächst zum Augenarzt. Doch der konnte nichts feststellen!" Dann fegte Miriam ohne ersichtlichen Grund Gläser vom Tisch, bog ihren kleinen Finger nach hinten und schob ihren Unterkiefer nach links – bis sie Muskelkater davon bekam und ihre Backe anschwoll. Ihre Eltern waren verzweifelt, sie selbst hilflos. Miriams Reise zu diversen Ärzten begann. Bis sie endlich an einen kam, der bei ihr das Tourette-Syndrom diagnostizierte. Miriams Eltern hatten nun endlich eine Erklärung für das merkwürdige Verhalten ihrer Tochter – trotzdem standen sie vor riesengroßen Fragezeichen: Was ist Tourette, wie wird es behandelt? Was sind Tics, und wird unsere Tochter jemals ohne sie leben können?

 

"Plötzlich wollte niemand mehr was mit mir zu tun haben"

"Als ich in die Schule kam, war erstmal alles super. Ich hatte Freunde gefunden und wurde zu Geburtstagen eingeladen. Doch während ich zu einer Kur im Schwarzwald war, erzählte meine Lehrerin in der Klasse, dass ich krank sei, am Tourette-Syndrom leide. Zudem hätte ich Zwänge, weswegen ich mich so komisch verhalten würde. Ich könne nichts dafür, das wären eben die Tics, die zu meiner Krankheit gehörten. Ich frage mich heute, was diese Lehrerin sich dabei gedacht hat! Die Einladungen wurden weniger und weniger. Ich wurde immer mehr ausgegrenzt und musste mir Sprüche anhören wie 'Du tickst ja nicht richtig!' oder 'Du bist behindert – wir wollen nichts mehr mit dir zu tun haben'. Das machte mich unendlich traurig." Miriam blickt zu Boden, um die Tränen in ihren schönen blauen Augen zu verbergen. Stockend berichtet sie weiter: "Bald schon wollte keiner mehr etwas mit mir zu tun haben – ich war sehr einsam. Niemand kam, um mit mir zu spielen, die Eltern der anderen Kinder dachten wohl, ich hätte eine ansteckende Krankheit. Ich ging zu dieser Zeit nicht mehr gerne in die Schule, denn ich wurde dort ziemlich gemobbt."

 

Nebenwirkung: Gewichtszunahme

Tourette-Patienten haben einen kleinen Defekt im Gehirn, der sie zu immer wiederkehrenden Handlungen zwingt. Um diesen Antrieb zu unterdrücken, beziehungsweise abzuschwächen, wurden Miriam Medikamente verschrieben. Die muss man in der Höhe der Dosis und Zusammensetzung testen. Zurzeit nimmt Miriam Zoloft gegen die Zwänge und Ritalin gegen ihr zusätzliches ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom). Aber niemand kann sagen, was ihr in drei Monaten helfen wird. "Als ich mit den Medikamenten begann, wurden die Tics erst weniger, doch ich nahm auf einen Schlag 15 Kilo zu! Dann vertrug mein Körper diese Medikamente nicht mehr und mir wurde übel davon. Wir probieren immer noch verschiedene Kombinationen aus. Diese Medikamente haben starke Nebenwirkungen – so können sie bei dauerhafter, in meinem Fall lebenslanger Anwendung, zu Nieren-, Leber- und Nervenschäden führen. Doch ohne geht es gar nicht. Neulich hatte ich eine Kombination, die mich Dinge machen und sagen ließ, an die ich mich kaum noch erinnere. Wir waren bei unserer Nachbarin zu Besuch, doch statt 'Hallo!' habe ich immerzu gerufen: 'Ja, seht ihr denn nicht wie viel Dreck hier liegt?!' Das klingt für Außenstehende lustig, doch in diesem Fall habe ich die Kontrolle über mich komplett verloren. Das macht mir Angst. Was wird aus mir werden, werde ich jemals ein normales Leben führen können?"

 

Hoffen auf Linderung

Während Miriam redet, streicht sie ihren Pony aus dem Gesicht. Und zwinkert feste mit den Augen. Ständig. Diese beiden Tics kriegt sie bislang nicht in den Griff. Trotzdem klingt sie zuversichtlich, wenn sie über ihre Krankheit spricht, und man möchte ihr gerne glauben, wenn sie berichtet, dass sie im Grunde Glück im Unglück hatte … "Ich bin sehr dankbar, dass ich nur eine schwache Form des Tourette-Syndroms habe, es gibt auch sehr extreme Formen."

Man sagt, dass Tourette in der Pubertät zum Höhepunkt kommt, aber danach sehr viel besser werden kann. Bei manchen sind die Tics dann kaum noch zu erkennen. Darauf hofft Miriram jetzt – sie wird den Kampf nicht aufgeben. Sie hat auch einen Weg gefunden, mit dem Syndrom zu leben: "Seit ich Reiten gelernt habe, habe ich meine Tics weitestgehend unter Kontrolle. Zwar zwinkere ich noch immer, aber das Räuspern und Fiepen kann ich dabei komplett abstellen. Es ist die Ruhe, die diese Tiere auf mich ausstrahlen, und die andere Welt, in die ich bei ihnen eintauchen kann. Jeden Tag bin ich draußen auf der Koppel und im Stall. Ich arbeite sehr gerne mit den Pferden und würde später gerne Tierpsychologin werden.

 

 

 

Seit einem Schulwechsel und mithilfe der Pferde und der Medikamente führe ich ein fast normales Leben. Niemand brüllt mehr: 'Hey, du Behinderte!', keiner mobbt mich mehr wegen meiner Tics und Zwänge. Und meine Noten sind seither sehr viel besser geworden! Vielleicht verschwindet mein Tourette ja irgendwann einmal wieder ganz …" Miriam gibt die Hoffnung auf ein Leben ohne Tics jedenfalls nicht auf!

 

Q u e l l e :

hey! girls
Ausgabe 05/2007
Verfasserin: C. Schneider
Fotos: A. Lubitz

Panini Verlags GmbH
www.panini.de

Rotebühlstr. 87
70178 Stuttgart