Kommentar zu 'James McConnel und die Musik von Mozart' in "Der Mozart-Test" bei ARTE am 13.01.06

von Hermann Krämer

Der englische Komponist James McConnel hat wegen seiner These, Wolfgang Amadeus Mozart wäre am Tourette-Syndrom (TS) erkrankt gewesen, schon des Öfteren sehr hitzige Diskussionen ausgelöst. Diese Vermutung wurde zwar auch schon von Neurologen vertreten, doch dass diese These von einem Musiker und Komponisten so massiv in die Öffentlichkeit transportiert wird, ist ein Novum.

Zu Beginn der Reportage outet sich McConnel sogleich als selbst vom TS betroffen und berichtet von einer Studie zum Tourette-Syndrom (ohne den genauen Titel und den/die Verfasser zu benennen), in der von "Reisen, Stress und Infektionskrankheiten" als Auslöser für diese Erkrankung bei Menschen mit der entsprechenden genetischen Veranlagung die Rede ist. Diese Aussage bringt er in Verbindung mit dem Lebensverlauf von Mozart.

Weiter beschreibt McConnel das Leben mit TS als ein "ständiges Verlangen, chaotisch zu sein und sich gleichzeitig im Zaum halten zu wollen"! Seine Symptomatik beschreibt er mit einem Drang Grimassen zu schneiden, sich auf den Kopf zu tippen und unwillkürlichen Bewegungen der Arme und Beine. Während der Reportage zeigt er jedoch keinerlei Symptome. Wenn er Mozart höre, würden alle seine körperlichen Zuckungen nicht mehr auftreten, er verspüre nicht mehr den nervösen inneren Drang, die Symptome ausführen zu müssen. Bei jeder anderen Musik, z.B. von Beethoven, Brahms oder Strawinsky, spüre er eine solche Wirkung nicht, führt er weiter aus.

Ausgehend davon, dass Mozart selbst betroffen war, ist McConnel überzeugt: "Mozart behandelte seine eigene Krankheit, indem er Musik kreierte, die für ihn selbst Medizin war!" Wirklich verifizieren kann er diese These allerdings nicht, stattdessen präsentiert er am Klavier ein Orgelstück von Mozart mit dem Titel "Phantasie und Fuge", das kurz vor dem Ende einen plötzlich eingefügten, absolut unpassenden musikalischen Einschub enthält. McConnel wiederholt diese Passage und bezeichnet sie als kontrolliertes Chaos und für ihn ist ganz klar, dass hier die Energie des Tourette-Syndroms, ein Tic oder ein zwanghaftes Verhalten musikalisch seinen Ausdruck und sozusagen ein Ventil gefunden hat. Solche Beispiele ließen sich zwar nicht generell, aber immer wieder in den Werken Mozarts finden. Kurz darauf nimmt McConnel Bezug auf ein bekanntes Duett aus Mozarts Oper "Die Zauberflöte". In diesem Gesangsstück zeigt sich nach seiner Ansicht das deutlichste Anzeichen der Tourette-Erkrankung von Mozart. Das in einer Passage außergewöhnlich häufig wiederholte Pa-pa-pa-pa-pa-geno hätte jeder andere Komponist musikalisch nicht in dieser Art und Weise umgesetzt, für McConnel ein untrügliches Zeichen, dass hier das TS musikalisch und künstlerisch zum Vorschein kommt.

McConnel trägt seine Interpretationen der Musik Mozarts mit großer Überzeugung vor. Und er demonstriert unablässig: "Nur so kann es sein!"

Mit etwas zeitlichem Abstand zur Sendung stellen sich dann aber schon auch Zweifel ein. Wie könnten der musikalische "Einschub" in dem weiter oben beschriebenen Orgelstück und das "Pa-pa-pa-pa-pa-geno" noch interpretiert werden? Lebensfreude, Witz oder einfach die Begeisterung für Musik und die Komposition unerwarteter Passagen, die Lust auf unkonventionelle Extras? McConnel überzeugt mich nicht. Ob Mozart nun TS hatte oder einige neurologische Auffälligkeiten oder was sonst auch immer, das herauszufinden wird weiterer Forschung vorbehalten bleiben. Zum aktuellen Zeitpunkt sind zu diesen Fragen keine gesicherten Aussagen möglich.

 

Januar 2006