Einkauf in einem Schokoladengeschäft 
In unserem Urlaubsort betrete ich mit meiner Freundin ein piekfeines Schokoladengeschäft. Ich begrüße die Schoko-Freunde mit mehreren lauten Jaa-Vokaltics. Die anwesenden Kunden schauen etwas entrüstet in meine Richtung, vertiefen sich dann aber wieder in ihre Marzipan- und Pralinenbetrachtungen. Mit meinem "Tourette-Situationsschnellabcheckprogramm" bemerke ich sofort, dass die beiden Verkäuferinnen hinter der Ladentheke, kurz nachdem sie in meine Richtung geschaut haben, tuscheln, und ihre Köpfe schütteln. Ich bin mir sicher, das hat mit mir zu tun. Nachdem ich das Sortiment durchgeschaut und mich für dieses und jenes entschieden habe, gehe ich zur Kasse. Wieder donnern zwei Vokaltics aus mir heraus. Verdammte Tourette-Scheiße!!!! Ich frage die beiden Frauen: Haben Sie, kurz nachdem ich reingekommen bin, über mich geredet? Die beiden sind etwas verwirrt und bringen kein Wort raus. Ich erkläre: Ich bin an einem Tourette-Syndrom erkrankt und kann die verschiedenen Symptome, wie lautes Rufen irgendwelcher Worte, nicht steuern. Oh, das tut uns leid, entgegnen sie, wir dachten, Sie wollten die Anwesenden provozieren. Ich informiere die beiden noch ein bißchen über die TS-Symptomatik, sie sind interessiert und werden immer freundlicher! Ich bezahle und verabschiede mich mit: Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Aufgeschlossenheit. Sie sagen: Wir haben zu danken! Alles Gute für Sie! Ich verlasse das Geschäft mit einem guten Gefühl, doch ich habe eine Narbe mehr auf meiner Tourette-Seele.

Abends in einem Café 
Das Cafè ist groß und ziemlich leer, gut für Touretter denke ich. Trotzdem, diese positiven Bedingungen reichen nicht aus, um mich zu beruhigen, denn heute sind die Vokalismen wieder mal stark im Vordergrund. Vokaltics sind auffälliger und schwerer zu ertragen als motorische Tics. Weil jeder sie hören kann, ob er in meine Richtung schaut oder nicht. Ganz schön blöd. Wir setzen uns und schon geht’s los mit der vokalen Ticcerei. Die Bedienung kommt und merkt ziemlich schnell, dass ich ein besonderer Gast bin. Es ist halt nicht zu verbergen, auch wenn ich es mir noch so wünsche. Ich weihe sie ein, sie reagiert mit verständnisvollen Blicken und sagt nach dem Abstellen unserer Getränke: Das muss ganz schön schlimm für Sie sein?!! Ich nicke leicht, aber das Wort "schlimm" klingt irgendwie frustrierend. Ist "Tourette" wirklich so schlimm? Ich weiß es nicht, auf jeden Fall gibt es Tage, da ist es ganz schön heftig. Und dann sehne ich mich nach anderen Symptomen, die weniger auffällig sind. Damit lebt es sich besser.

Begegnung im Computermarkt 
Im Eingangsbereich schließe ich meine Tasche ein, betrete darauf die riesige Verkaufshalle und passiere den Bereich Digitalkameras und Videorecorder. Ein hagerer Mann, ungefähr Mitte 50, steht dort mit leicht gerötetem Gesicht und inspiziert angestrengt das Sortiment. Ich vokalisiere zweimal laut Jaa, Jaa!!! (verdammte Tics, denke ich!). Er schaut gleich irritiert und empört in meine Richtung. Ich habe ihn wohl in seiner "intensiven Kamerabetrachtung" gestört. Nach kurzer Zeit finde ich, was ich suche, und gehe in Richtung Kasse. Wieder muss ich durch das Kamerasortiment und treffe noch mal auf meinen hageren Zufallsbekannten. Jaa, Jaa rufe ich erneut laut, wie wenn mein Touretter-Gehirn ihn begrüßen möchte und um vielleicht zu sagen, jaa, ich weiß, mein lautes Gedöns passt dir nicht. Ich blicke ihm kurz in die Augen, er sieht ziemlich genervt aus. Nach ein paar Metern höre ich ihn in pfälzischem Dialekt sagen: "Hea, is der noch ganz sauwa?" (Übersetzung für alle Nichtpfälzer: "Ist der noch ganz normal?"). Das ärgert mich doch sehr und ich entscheide mich, zu ihm zurückzukehren und ihn anzusprechen, diese Unverschämtheit kann ich mir nicht gefallen lassen. Als ich dann vor ihm stehe, sage ich: Sie haben sich eben aufgeregt über mein lautes Rufen, ich hab ne neurologische Erkrankung und kann das nicht steuern ... bla, bla. Er ist jetzt noch etwas roter im Gesicht und sichtlich betroffen und stammelt eine Entschuldigung: Es tut mir leid, das hab ich nicht gewusst. Wir reden noch kurz über's TS und seine Symptome. Zum Abschied gibt er mir die Hand und wünscht mir alles Gute. Ich gehe daraufhin an die Kasse, bezahle und verlasse den Computermarkt mit einem guten Gefühl. Es war richtig zu reagieren!

Termin beim Hautarzt 
Modernes Ärztehaus mit dem sinnschweren Namen "Medicus". Am Aufzug drückt man von außen die Etagentaste und wird automatisch ins richtige Stockwerk gebracht. Ich öffne die Praxistür, ein ca. 5 Meter langer Gang führt in den Empfangsbereich. Ein mittellautes "fickenarschloch" plärrt aus meinem Schlund. Die Sprechstundengehilfin kennt mich schon seit 2 Jahren. Sie ist ne Hübsche und immer freundlich zu mir und – obercool – sie interessiert sich fürs Tourette-Syndrom. Ich hab ihr schon einige Infos von der TGD überreicht. Sie begleitet mich ins Behandlungszimmer und erzählt mir von der TV-Serie "Ally McBeal" und der Touretterin, die dort mitspielt. Sie meint, die Darstellung wäre zwar insgesamt nicht so supertoll, aber sie findet gut, dass TS im TV thematisiert wird. Ich habe diese Sendung noch nicht gesehen, erwidere ich. Auf ihre Frage, wie es mir geht, sage ich: Eigentlich ganz gut, bis auf die vokalen Tics, die mich zur Zeit sehr plagen. Sie antwortet darauf: "Ich hab mich gefreut, weil ich wußte, dass Sie heute kommen und wenn Sie sich mit einem vokalen Tic ankündigen, dann weiß ich, dass Sie da sind. Solche Tics haben irgendwie auch etwas sehr Liebenswertes!" Meinen Sie das wirklich ernst, frage ich? Ja, erwidert sie! Holla, denke ich, dann soll’s so sein, mir ist’s recht !!!

Tourettische Alltagsgeschichten (pdf) Copyright Hermann Krämer info@tourette-syndrom.de