Miriam und ihre große Liebe zu Pferden  

Unsere Tochter Miriam ist 11 Jahre alt, seit gut zwei Jahren wissen wir, dass sie am Tourette-Syndrom erkrankt ist. Zuerst war die Diagnose ein großer Schock für uns und warf uns buchstäblich aus der Bahn. Inzwischen haben wir es angenommen – dieses Tourette. Es wird Miriam ein Leben lang begleiten und wir als Eltern sehen unsere Aufgabe darin, ihr die Stärke zu geben, das Tourette anzunehmen und auszuhalten.

Eine große Hilfe dabei sind die Pferde. Als es in der Schule zu immer größeren Ausgrenzungen durch Mitschüler kam, erfüllten wir ihr den großen Wunsch, Reitunterricht nehmen zu dürfen. Was mit zweimal wöchentlichem Reiten begann, wurde zur großen Liebe. Ihre große Liebe gehört einem jetzt fast 23-jährigen Pony, das die ganzen Streicheleinheiten und Liebkosungen sichtlich genießt. Es wurde nur ab und zu einmal geritten, da es oft ein rechter Sturkopf ist. Miriam hat sich sofort in ihn verliebt. Inzwischen geht sie nun täglich auf den Reiterhof und kommt sichtlich ausgeglichen zurück. Auf dem Hof weiß jeder über Tourette Bescheid und sie wird dort von niemandem blöd angeschaut, gehänselt oder nachgeäfft.

 

   Karat

 

Der Reiterhof ist ihre Wohlfühloase geworden und das kommt ihr ganz besonders zugute. Sie sieht das Pferd nicht als Statussymbol, sondern als Freund und reitet nie mit Gerte oder Sporen, sondern empfindet das Pferd als Partner und es funktioniert! Er verzeiht ihr geduldig die gestörte Impulskontrolle, die ihm sicher so manches Mal im Maul weh tut. Wenn beide gut drauf sind, dann reitet sie ihn freihändig, im Galopp und öfters auch ohne Sattel. Und was soll ich sagen, die Augen von Karat (so heißt das Pony) und Miriam leuchten dann wie Sterne.

Ein Pferdeherz kann man nicht kaufen - aber verdienen - und das hat sie bei ihrem Pony geschafft. Es wird geputzt, gestriegelt, massiert, Hufe werden ausgekratzt und geschmust. Oft steht sie bei ihm, spricht mit ihm über Gott und die Welt, legt ihre Hände an seinen Kopf oder Hals. Dann steht auch er ganz still, legt seinen Kopf auf ihre Schulter und genießt ...

Das, was da zwischen den beiden passiert, kann ihr keiner mehr nehmen. Momente und Gefühle, die von Tourette nicht beeinflusst werden. Ihm ist es egal, ob sie zuckt, das Gesicht verziehen muss oder ob sie sich räuspert, Hauptsache sie ist da. Eine große Liebe eben ...  

 

März 2006

Sabine, Mutter von Miriam .